1974 hat Shaws Experte für das Grobe, Regisseur Kuei Chih-hung das einschneidende Horrorgenre mit Ghost Eyes mit aus der Taufe gehoben, Anfang der Achtziger trägt er es mit Samthandschuhen wieder zu Grabe. Zwar sollte das Metier noch einige Monate auch in der Totengruft erblühen, bevor es sich dem schrill aufbereiteten Unterhaltungsjahrzehnt geschlagen gibt; nach Corpse Mania war aber das letzte Tabu gebrochen, die Zerstörung durch die Deutlichkeit bereits voran geschritten und die Balance aus Neugier und Angst, aus Faszination und Beklemmung vorübergehend zu sehr in die Ecke der Abscheulichkeit gewichen. Aus dem furchtsamen Blick in die Abgründe, dem Nervenkitzel beim Schock, der Lust und der Neugier beim Betreten der Orte des Schauderns und des Fürchtens samt heilsamer Katharsis ist dieser Schritt scheinbar einer zu weit in die Urängste hinein gewesen.
Die Eleganz des Phantastischen, der Reiz des Bösen, der Umgang mit dem Jenseitigen, der Bereich des Wunderbaren, des Nichtrealen, der Fiktion wird abgeschnürt und gegen Memento te hominem esse und Memento mori ausgetauscht. Bedenke, dass du ein Mensch bist. Bedenke, dass du sterben musst.
Der antike Mahnruf nimmt im Film selber zwar nur den Aufhänger der Geschichte ein, die diese Verletzung des Bannes zwischen dem Wunsch nach dem Blick und der Furcht vor ihm gar nicht als unbedingten Auslöser bedurft hätte. Eine optische Illusionspraxis. Die eigentliche Handlung würde auch gut ohne ihre trügerische Tendenz zur Transgression, zur ablenkenden Überschreitung auskommen und hat auch genügend weiteres, im Vergleich zum Prolog geradezu harmloses Material für die Befriedigung der Schaulust auch in der Inszenierung des Todes zu bieten:
Guangzhou, irgendwann in den 30ern.
Als der Fäulnisgeruch die umliegenden Anwohner erreicht wird ein erst kürzlich neu bezogenes Anwesen aufgebrochen, dabei findet man eine von Maden übersäte Leiche vor. In der durch die Autopsie festgestellten Gewissheit, dass der nunmehr verschwundene Herr des Hauses erst kurz zuvor mit der angeblich kranken Frau Geschlechtsverkehr vollzogen hat, macht sich Police Chief Zhang [ Wong Yung ] mitsamt Assistent Junde [ Tai Gwan-Tak ] zu seinem Kollegen Liu [ Walter Tso ] nach Foshan auf, wo nur wenige Zeit zuvor ein ähnlicher Fall stattgefunden hat. Liu erzählt ihm die Ereignisse um den mysteriösen Li Zhengyuan, der aus Liebe zu einer freigekauften Prostituierten diese bis in den Tod gepflegt und sie auch darüber hinaus umsorgt hat. Und mittlerweile Interesse an sämtlichen Angestellten der Bordellbesitzerin Madam Lan [ Tanny Tien ] zeigt, auch an ihrer Adoptivtochter Yan Er [ Yau Chui Ling ].
Die Beschäftigung mit dem Thema der Nekrophilie ist in seinen Bildern anders als bspw. die kunstvollen Umschreibungen geträumter Sünden Vertigo – Aus dem Reich der Toten oder Das grüne Zimmer aber zu demonstrativ, zu artikuliert, zu drastisch, um nicht den Preis der Zerstörung der ungeschriebenen Regeln zu zahlen. Dem Fetischismus und dem Voyeurismus wird die Imagination genommen. Auch wenn keine entsetzte Entmystifizierung wie bei dem obduzierenden Gegenstück The Act of Seeing With One’s Own Eyes stattfindet, nicht dokumentarisch in genauer Kälte oder klinischer Distanz hingesehen wird, werden in der Beziehung von Tod / Sexualität, Begehren / Vergängnis, Wonne / Leiden – "even dying is an act of eroticism..." – die Grenzen für Abwegigkeit und Verdrängten nicht bloss angetastet, sondern zu sehr aus dem Geheimnis des Kinos heraus und in die Hilflosigkeit des Lebens hinein gezerrt.
Die Sicherheit der Konvention und die versehrte Schönheit anderer Shawscher Horrorwerke nahe dem gothic cinema ist deswegen hierbei schon von Beginn weg; eine unverschämte Dreistigkeit narrativer Laterna magica, die in seiner späteren Banalität schon wieder äußerst kreativ und vor allem clever ist. Durch die schnelle Konfrontation mit dem Unaussprechlichen wird der Boden sicherer Tatsachen komplett entfernt und das Unvorstellbare zur Realität, auch wenn das Lug- und Trugmärchen rückwirkend recht offenkundig ist. Allein die Szenerie der beiden Städte ist derart übertrieben abgestorben, dass das einstig glanzvolle Studio der Spätromantik schon mehr einem Friedhof bar jedem Ästhetizismus ähnelt. Die Reise von Zhang und Junde nicht von Hell zu Dunkel, sondern von einem trist deformierten Ort zum Anderen, beide von einem wie durch Ansteckung übertragenem Fieber in die Auflösung verzerrt. Es ist niemals richtig Tag, nie hell, nie scheint die Sonne oder wirkt es warm. Ein Reich der Schatten, der finsteren Ecken, hohe Luftfeuchtigkeit drängt den Nebel durch die diesigen Nebengassen, eine klaustrophobische Waschküche aus aasigem Laub, Schmutz, Staub, Spinnenweben, ähnlich dem Elendsviertel Whitechapel. Nach der Erzählung von Liu, die auch gleich die Möglichkeit der Rückblenden pessimistischer Ansichten formuliert, wandelt sich das verwesende Schauerstück auch tatsächlich in eine morsch knarrende Jack the Ripper Inspiration mit makaber ausgeschmücktem Gimmick um.
Aus der desorientierenden, aber zwangsweise mitfühlenden Identifikation mit dem Täter, dem damit verbundenen Angriff auf die Augen und dem sinisteren, an Magen und Nieren gehenden Thema wird eine simple Profiler-Pathologie mit raffinierter Doppelbelichtung. Ein Spiegeltrick, der Linderung schafft. Aus der kurzen, aber heftigen Revolte zurück in den lieb gewonnenen und vor allem Sicherheit gebenden Stillstand. Alles halb so schlimm. Ein mechanischer Bodycountkrimi, zwischen Gruselkarneval und Geisterbahn-Kintopp, nun auch mit Dramaturgie, mit der Rückführung von der Abstraktion zur rechten Ordnung, mit der Eindeutigkeit von Gut und Böse – Li Zhengyuan wird zum aktiven Dirnenmörder, allerdings aus Gründen der Vergeltung – , Geheimgängen und einem Verschwörerplot um Geldgier. Immer noch das Spiel zwischen Dämonischem und Psychologischem, aber das Verschieben vom sexuellen Impuls auf die gewaltsamen Rituale incl. der üblichen Typologie und Symbole der stalk 'n' slash fright night sowie forschem Aktionismus. Mit der Korrektur der bisherigen Erfahrung, der aufatmenden Erleichterung von großen Gesten, sichtlich falschem, fast rosa gehaltenem Blut und ebenso unechtem Schauspiel. Statt wie bisher der Subtilität moralischer Ambivalenz zwischen den Widersprüchen der Wünsche, der Erziehung und der Entfremdung durch die Konsequenzen nicht tolerierter, nicht akzeptabler und somit strafbarer Sexualität.
