Donnerstag, 6. Dezember 2007

Review: Story of Kennedy Town [ 16/11/1990 ]

cover
Bis Heute rufsteigernd als Art umgestaltend wandelnder Nachzügler zu Bullet in the Head propagiert, dessen Prinzip der Freundschaft hierbei sicherlich ebenso vorkommt wie das Dreieck der Figurenkonstellation, hat Story of Kennedy Town weniger Anklänge an Woos persönlicher Mission zu bieten als das er vielmehr eine weitere Aufarbeitung der Marksteine des Heroic Bloodshed Genres ist. Ein erneutes, diesmal zufällig zeitlich nah und vom Ausgangspunkt her schon ähnlich gehaltenes Projekt mit Anspruch auf narrativer Ausbeutung moralischer Fundamente. Dass allerdings trotz auch überschneidender Besetzung nicht übermächtig auf seinen ja nun inoffiziellen Vorgänger schielt, mit eben diesen Vorgaben seine eigenen konsequente Wege mit diesbezüglichen Dominanten und Leitmotiven geht und sich in all der Masse selber Thematik gar noch als überdurchschnittlich eigenständig behaupten kann. Das gewählte Genre durch Überflusserscheinungen mit identischer Quintessenz und Resümee mal nicht als pure Auftragsarbeit im Abklappern des üblichen A und O, sondern durchaus mit Sinn auch für die Bedeutung von Gemeinschaft und Kameradschaft.

Dass diese Bindungen hier nicht nur behauptet werden, um darüber hinaus den Schwelbrand und Feuerstoß der traditionellen Shootouts abfackeln zu können, hebt Wu Mas 46igste Regietätigkeit in zwanzig Jahren dann auch aus den Hundertschaften seiner Artkollegen hervor; die seit jeher die gewisse Verpflichtung haben, den Forderungen und Kenntnissen des Publikums zu entsprechen und in Spitzenbelastungszeiten oft mit rein höflicher Konformität auch nur dies Mindestmaß erfüllten. Zumindest der nass forsche Blick über dem üblichen Gros darf hier gewährt sein, auch wenn man sicherlich keinerlei Favouritenlisten erklimmen wird. Dazu ist die Behandlung ohne der gutheißenden Eigenschaft von inniger Herzensangelegenheit, sinnsuchender Selbstverwirklichung oder dem Effekt eines wahren Glaubenssystems wiederum zu vertraut, zu absehbar und durch einen einleitenden Epilog auch noch zu erregungsarm hinsichtlich des Ausgangs. Denn eigentlich wird in wenigen Sekunden gleich zu Beginn nicht nur bereits das Ende vorweggenommen, sondern die Geschichte prompt vollständig erzählt:

Die drei Taugenichtse Chuang Peng [ Waise Lee ], Kao Tieng Chiang [ Mark Cheng ] und Li Shao Wei [ Aaron Kwok ] schlagen sich den 60ern mehr schlecht als recht durchs Leben, ernähren sich mühsam von Taschendiebstählen und kleineren Handlangertätigkeiten und haben es dabei noch ständig mit der zahlenmäßig weit überlegenen Gang von Brother Ying und mob loan shark Chuan [ Tai Bo ] zu tun. Als Ihnen Detective Sergeant Huang [ Wu Ma ] eines Tages aus der Patsche der Unterzahl heraus hilft, erweckt es bei den Dreien kurzzeitig eine neue Hoffnung. Den Test für die Polizeiakademie besteht aber nur Chuang Peng, der an der Seite seines neuen Partners Uncle Chua [ Bill Tung ] auch bald lernt, das Handaufhalten und Wegschauen einträglicher ist als stupider by-the-book Streifendienst.

Analog dazu ist auch die materielle Beschreibung ein Schutz- und Trutzbündnis, dass über weite Strecken durch betriebsames Zielbewusstsein statt analysierenden Monologen oder Dialogen die ganze Kraft von nüchterner Verführung mit pragmatischer Überzeugung entfaltet. Ein präzise verkürztes, ökonomisches, trotz Glamour auffallend unspektakuläres Epos mit aufwendig anmutendem Lokalkolorit in stark gesättigter, massiv eichener Brauntöne als Summe aller möglichen Farbbeziehungen. Ein schwungvoll schaffensfreudiges Vorgehen über das verblasste Ideal vergangener Jahrhunderte, dessen Ehr- und Anstandsmaßstäbe sich in der Gegenwart gewaltig verschoben haben und alte Rituale mit Neid und Missgunst füllt; mit sicherer Finanzierung von Golden Harvest / Golden Way Films gestützt und durch leicht erfassbare und tatkräftig zupackende Akteure gewürzt.

Die größte Schwachstelle, hinsichtlich der Vertrautheit, die hier nicht mal mehr das seltsame Gefühl des Déjà-vu auslösen kann, weil bereits Sämtliches an Handlung von vornherein auf dem Tisch liegt, ist dann auch gleich die Stärke der routinierten Inszenierung. Denn dadurch, dass der Regisseur auch um die bekannten Prämissen weiß und sich bewusst ist, dass er rein gar nichts mehr über dem Effekt der Überraschung erreichen kann, konzentriert er sich eben nicht auf die eventuelle, hier nicht vorhandene Kreativität des Skripts. Kontert auch nicht mit pathetischem Fatalismus und galamäßigen Reflexen, sondern bezieht sich auf die aktive Teilnahme, das Dateisein und Mitmachen des Zuschauers sowie streng bewahrter Rationalität, die bemerkenswert reibungslos und mit der Erkennung vom Besonderen im Alltäglichen her absolviert wird. Er lässt unsinnige Erläuterungen komplett fallen, kümmert sich auch nicht weiter um vorhandene Zeitsprünge und so entstandene mögliche Lücken, sondern stellt die Verbundenheit zum Geschehen im Film und zum Film allein mit einem sinnenfrohen Klang- und Aktionskontinuum her. Aussagekräftige Blickkontakte, ein musikalisch schmissiger Rahmen der legendären Rockgruppe Beyond und addierend losen merkwürdigen Tönen, ähnlich dem garstigem Fauchen eines Sousaphons, das mit einer Eisenstange malträtiert wird.

Da man sich hier strikt an einem Ort der chaotischen Großstadtanarchie festhält, keine politischen oder gesellschaftlichen Situationen durch schreitet und auch keine exakt notierte historische Chronologie abgeht, ist die Möglichkeit einer variierten und kontrapunktierten Aufgliederung des Prüfsystems der Freundschaft an mehreren wesentlichen Erprobungen mit ideologischem Hintergrund nicht möglich. Keine Erinnerungen an das furchtbare Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und auch kein Vietnamkrieg, dessen Gräuel zusammen mit der plötzlichen Goldgier als lockenden Ausweg beim Protestanten Woo letztlich doch zum Bruch der steten Gemeinsamkeit seit Kindheitstagen führen. Zwar winkt auch hier der Reichtum für den die Loyalität verratenden Aussteiger, handelt es sich aber nur um besseres Taschengeld und muss dafür auch allerhand Risiko eingegangen werden; eine gedankliche Möglichkeit, die als Zusatz in der Erzählführung dazu genutzt wird, sich nebenher ein wenig mit der Korruption innerhalb der Hongkonger Polizei und der Gründung der ICAC zu beschäftigen. [Die Schilderung bezieht sich einzig auf die polizeiliche Aufgabe der Strafvermeidung und -verfolgung, während in Bullet in the Head ausdrücklicher auf das Archiv der Repression hinsichtlich der politischen Unterdrückung / Verfolgung von Gruppen wegen ihrer Beweggründe eingegangen wird.]

Der entscheidende Grund für das Zerwürfnis ist neben den unterschiedlich entwickelnden Interessen und damit auch dem Auswandern in verschiedene Berufsschichten, die sich als cops vs robbers stichhaltig notgedrungen gegenüber stehen vor allem auch die Liebe zu einer Frau: Li [ Sharla Cheung Man ], die als primärer Beziehungsträger gleich von Mehreren im Dreieck begehrend umworben wird, das natürliche Konkurrenzdenken fördert und die Kippentscheidung zwischen rigorosen Individualismus und dem unbedingten Einstehen für den Anderen heraufbeschwört.
Völlig konträr zu Männerregisseur Woo, der wie sein Lehrmeister Chang Cheh mit idealisierten Vorstellungen davon überzeugt war, dass nicht einmal der Tod die Grenze für ein ehrlich verschweißtes Männerbündnis sein kann und keinerlei Spuren von Gefahr, Misstrauen oder Bedrohung zwischen den Blood Brothers aufkommen ließ, schon gar nicht von einer weiblichen Person ausgehend.
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