Freitag, 11. Januar 2008

Review: Who's Next [ 26/10/2007 ]

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Who's Next geht unabhängig von Brothers genau den umgekehrten Weg. Eine verhältnismäßig gesehen ewig lange Vorlaufzeit, die die ersten festen Ankündigungen bereits ein halbes Jahr vor dem Kinostart verbuchte. Ohne sich überhaupt in die Köpfe der etwaig angepeilten Käuferschar zu brennen und nicht einmal wirklich die Voraussetzungen zu erfüllen, die eine Ausstrahlung vor zahlenden Publikum auf großer Leinwand gerechtfertigen würde. Auch hier zwar mit einer Handvoll vielleicht dem Eingeweihten bekannterer Namen versehen, die aber anders als die rüstigen Vorruheständler samt erlangtem Edelrentnerbonus keinen wirklichen Ruf im Geschäft und schon gar keine Anziehungskraft auf das Auditorium haben. Ein vielleicht etwas besser gestelltes b-picture mit betont unperfekter Illustration, dem es offensichtlich nicht nur finanziell an vielen Ecken und Enden fehlt und sich wohl deswegen auch in nur einer Idee mit repetierend wiederholenden Schauplätzen verbirgt.

Trifft man dabei sogar einige Deckungspunkte mit dem weit später entwickelten, aber zeitgleich an die Öffentlichkeit entlassenen Konkurrenzprodukt, dessem box office Erfolg man erwartungsgemäß rein gar nichts entgegensetzen konnte, und fährt man auch das gleiche Sujet ans Tageslicht, so unterscheidet sich vor allem der gebrochene Ton samt bearbeitender Behandlung. Hier findet man nicht den üblich prächtig erhabenen Akzent, den sinnlich verspielten oder pathetisch deklarierenden, nicht einmal den wuchtig entschlossenen vor, sondern vorwiegend nur den von Fax und Jux und Tollerei, noch zusätzlich in bleichsüchtiger low budget Manier und stumpfer Mitt-Neunziger-Optik.
Man möchte gerne eine trivial-unreale Satire sein, in gefakter Konstruktion und mit den Utensilien von Maskerade und Narrenkappe. Ein künstlich erarbeitetes, mit dem Zwiespalt von Inhalt und Reflexion auch etwas krampfhaft wirkendes Machwerk.

Das Spottgedicht gemäßigt greller Schimpfreden im kleinen Laienspielhaus ist schon vom Äußeren weithin erkennbar; der selbst gewählte Aufzug ist bevorzugt kunterbunt mit extra torrhaften Anstrich aus der Farbspritzpistole gehalten, das Schauspiel mild boshaften Gewitzels schweift von gelangweilt über uninteressant kalkulierbar bis hin zu grotesk überzogen, wobei besonders das letztere Merkmal auch öfters der drechselnden Dramaturgie einen Schlag von hinten auf den Kopf verpasst. Filmemacher Rico Cheung, der schon seit jeher Mädchen für Alles in der Laufbahn war und auch hier die Aufgaben von producer / writer / director in Personalunion übernimmt, hat sich augenscheinlich an seinem anamorphotischen Grundgedanken übernommen, dehnt ihn auf das ganze materielle Streckennetz aus und verliert deswegen nicht nur den Überblick, sondern unabsehbar die Spannung zuungunsten von Müßiggehen und Mutwillentreiben gleich mit. Fern von Verstand, Scharfsinn und moralischer Beurteilung bleibt der unsubtile Versuch einer treuherzig einfältigen Travestiere mit irre geleiteter Hingebung, eines entstelltes Zerrbildes in komischer Einkleidung, eines Festivals an Verhöhnung und Übertreibung.

Aufgrund der langwierigen Aufwärmphase und der scheinbar entsprechend vielen Proben sind die Teilnehmer der eher lächerlich als tragischen Privatrache immerhin schon vor dem Überqueren der Startlinie in Bewegung:
Hung Yua-choi [ Austin Wai ] hat sich die letzten Jahre ein wenig aus dem zunehmend hinterhältiger und tödlicher werdenden Triadengeschäft zurückgezogen, und es mit seiner Frau [ Kiki Sheung ] etwas ruhiger angehen lassen. Nicht mehr der Jüngste ist er mehr um sein Erbe beschäftigt. Sein ältester Sohn Ben Hung [ Gordon Lam ] soll nach manchen Fehlern in der Vergangenheit und dem noch wenige Tage dauernden Gefängnisaufenthalt ein neues Leben beginnen. Der jüngere Bowie Hung [ Tsui Tin Yau ] wurde komplett aus dem kriminellen Milieu herausgehalten, auch über die wahre Identität seines Vaters im Unklaren gelassen und befindet sich seit frühester Kindheit wohl behütet in den USA, wo er gerade das Studium absolvierte.
Als nach dem Ableben des bisherigen Gangsterführers die neue Wahl zum Oberhaupt ansteht, Hung zugunsten des aufstrebenden Sean [ Jordan Chan ] den Weg freimacht, allerdings durch einen Unfall von einem von Seans Schergen lebensgefährlich verletzt wird, brodelt es in der Hak Se Wui.

Der noch beim Dreh verwendete Arbeitstitel The Funeral gab die Problematik und die Szenerie gleich mit bereits ausdrücklich wieder; nicht nur, dass die Geschichte voll mühsamer Hektik und Kurzatmigkeit mit einer Beerdigung einsteigt, auch die gesamte Narration dreht sich um die Austragung einer Trauerfeier. Sean, der zwar überhaupt nichts mit Hungs Tod zu tun hat, aber sofort in Verdacht und entsprechende Erklärungsnot gerät, möchte die Sache samt Leiche am liebsten schnell vom Tisch haben und drängt die nicht gerade befreundete Familie Hung zum Feuerbegräbnis. Diese wäre auch im Sinne von Inspector Dai [ Patrick Tam ] vom Anti-Triad Bureau, der ebenso so wenig Aufregen und Aufwand wie möglich haben will. Die Ehefrau und die Söhne sind allerdings gegen den Abschied im Krematorium und möchten eine angemessene Totenfeier mit ehrwürdiger Grablegung.

Einige weitschweifige Wendungen später, die mehr ein penetrant inkonsequentes Hin und Her mit naiven menschlichen Gebaren statt einem wirklichen Fortschritt darstellen, hat man ein emsiges, aber ungelenkes Aussitzen auf kleinem Raum zwischen Klappstuhl, Styropor, Notausgängen und Warenkartons gesichtet. Mit offenkundigen, aber nicht gleich gravierend niederschlagenden Mangelerscheinungen an Ausstattung, Figurenzeichnung, Kreativität und Talent. Auch wenn man die belanglose Fragwürdigkeit / kuriose Würdelosigkeit der Charaktere nicht weiter beleuchten kann, einen gewissen Sinn für das Schräge bezüglich fixierter Abstraktion mit etwaigen Trashflair mag man der recht kleinkrämerisch-unmodernen Gaunerfabel aber nicht abstreiten. Zeitweise blitzt tatsächlich das Absurde in der regelkonformen Tradition, dem im entscheidenden Momenten verlangten, aber eigentlich völlig unlogischen Ethos auf. Zwischen dem normalen Verhalten, dass ständig auf seine Zweckmäßigkeit hin verifiziert wird und der gebräuchlichen Sinnesart, die sich aufgrund ihrer formellen Korrektheit schon nahe an versteinerten Interpretationsmustern befindet:
Das verlangte Die-letzte-Ehre-erweisen gegenüber Jemandem, dem man bei Tageslicht verfeindet gegenüber gestanden oder noch nicht einmal respektiert hat. Der Kontrast, der zwischen der Erkenntnis zum Handeln steht. Die Abweichung von Vernunft, Geschmack, Tugend, sowohl im Film als auch von ihm aus.

Dabei nimmt man sich der in Election präzisierten Wahl durch Abstimmung und der dahinter stehenden Funktionsweise samt des Zahnradgetriebes der Triadenorganisation an, begründet mit den stillen Hintermännern, viel niedrigen Pöbel und ihren stetigen Schwankungen zur jeweilig gewinnbringend erscheinenden Machtseite eine gleichfalls verwickelte, nicht automatisch ähnlich geistreiche Geschichte, in der Irrtümer, falsche Schlussfolgerungen und zeitlich ungünstige Entscheidungen die Figuren reichlich durcheinander bringen. Überzieht dies generell auch mit den gewohnten Stilen und Motiven der entsprechenden Gattung, mischt aber Verharmlosungen und stetig karikierendes Spottbild darunter, auch wenn dies zuweilen nur aus albernen Kleiderwechseln und schalkhaften Versteckspielchen statt verächtlicher Beleidigung oder ernsthafter Bosheit besteht. Gerade Sean führt sich nicht nur wie ein harlekinisch lamentierender Diktator einer phantasierten Bananenrepublik auf, sondern zieht sich auch aus zusammengewürfelten Bestandteilen verschiedenen Uniformen an, wobei er seinen Possenreißer-Aufmarsch öfters wie Revolutionär Castro auf Kriegsübung in olivgrün mit Zigarre hält.
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Dienstag, 8. Januar 2008

Review: Brothers [ 18/10/2007 ]

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Zwei Monate von der Ankündigung bis zum Kinostart, zwei weitere bis zum Erscheinen auf DVD. Brothers vollzieht zumindest in der Produktion die altbewährte Ex-und-hopp Formel im selbstgewählten Schnelldurchlauf. Ein in aller Hast Einprägen, dass durch rasches, aber umso eindrückliches Aplomb seine Wirkung nicht verfehlt. Ein sicheres Auftreten mit gehörigem Nachdruck, dass in der Erinnerung kramt und längst Vergangenes wieder zum Vorschein holt: Der Film als die Reunion der TVB Five Tigers; einer Gruppe Schauspieler, die gemeinsam in den Achtzigern im kantonesischen Fernsehen für Furore und entsprechend hohe Einschaltquoten gesorgt haben, eigentlich bereits 1991 mit The Tigers wieder vereinigt auf die Kinoleinwand gebeten wurden, aber nun doch noch einmal ihren zweiten, wenn nicht gleich dritten Frühling feiern dürfen.

Als Produzent des wallfahrenden Comebacks der wahrlich nicht immer erfolgreichen und in den letzten Jahren doch eher vernachlässigten, bzw. immer noch oder erneut auf der Mattscheibe gestrandeten Altherrenriege legte sich verstärkt ihr fruchtbarstes Mitglied Andy Lau ins Zeug. Lau, der seit den ehemaligen Tagen eigentlich ununterbrochen Kassenmagnet Nummer Eins und Liebling aller Printmedien ist, sorgte durch seine als Cameo gedachte Teilnahme im Film auch gleich für das nötige Prestige und den entsprechenden Rummel um das verspätete Klassentreffen mit Stufenfestcharakter. Der Gastauftritt wurde gebührend der bankability Prominenz zur eminenten Nebenrolle ausgebaut; auch um von der Tatsache abzulenken, dass einstiges Mitglied Tony Leung Chiu-wai nicht nur nicht in Erwägung für eine Rolle, sondern auch nicht einmal kameradschaftlich zur Premiere eingeladen wurde. Um böses Blut unter einstigen Gesinnungsgenossen, um die Veränderung der Gegenwart zur vermeintlich glorreichen Vergangenheit und um die im Kollektiv verhandelten Debatten über Machtstrukturen und Diskurshoheiten geht es dann auch im Prozessions-Film:

Gangsterboss Yiu [ Miu Kiu Wai, der schon im Ruhestand war und sein Geld im Optikergeschäft verdiente ], der nach dem Rücktritt seines Vaters Tin Tam [ Wang Zhiwen ] die Geschäfte übernommen und sie zumindest nach außen hin in die Legalität gezogen hat, hat mehrere Probleme am Hals. Nicht nur, dass ihm ein Gehirntumor im Spätstadium zu schaffen macht, auch die Konkurrenz mit Uncle Nine Yim [ Henry Fong Ping ], dessem Sohn Kui [ Ken Tong ] und Scherge Chacha [ Teddy Kin ] wagt sich sehr dreist in den offenen Aufruhr. Dazu nutzen sie auch die Mithilfe der Polizei, dessen ständigen Durchsuchungen durch Inspector Lau [ Andy Lau ] und Sergeant Lam Sun [ Gordon Lam ] der empfindlich genervte Yiu bloß abgespannt durch seine Freundin und Anwältin Chong Ching [ Betty Huang Yi ] niederschlagen kann. Als sein Vater durch ein Attentat schwer verletzt ins Krankenhaus kommt und die an Alzheimer leidende Mutter [ Elaine Kam ] auf sich allein steht, holt Yiu seinen die letzten zwanzig Jahre in den USA lebenden Bruder Shun [ Eason Chan ] zurück; um gemeinsam mit Adoptivbruder Ghostie [ Felix Wong ] die Vergeltung zu starten.

Ein mit sichtlich Personenaufwand gestütztes Handlungsgerüst, dessen narrativer [Dialog]Vorbau auch gut und gerne für eine weit ausschweifende Abhandlung als hiesig vorgestellt ausreichen würde. Wenn man denn Intuition und Konzeption besitzt, aus dem Umfeld voneinander losgelöster, aber stetig überschneidender Herrschaftsverhältnisse auch das Eigenleben dieses undurchschaubaren Soziotops zu erforschen und beschreiben.
Geschickt sind die Verweise auf die Historie der Tang-Dynastie, speziell dem "Aufruhr am Tor des dunklen Kriegers", eine tödliche Rivalität unter Brüdern am 02.07. 626.
Das Drehbuch Selbsterfüllender Prophezeiung gibt sich allerdings nicht die Mühe, die Ursachen des Seins, die über das Erfahrbare und Wahrnehmbare hinausgehen in dem nun vorliegenden Fall zu entschlüsseln, sondern ruht sich mit vermeintlich gutem Gewissen auf der ebenfalls innerhalb zweier Dekaden geschaffenen historischen Überlieferungen, der Denkmalpflege im Gänsemarsch und seinen folgerichtigen Ellipsen aus. Nicht zum Verständnis erforderliche Dramenteile werden einfach weggelassen und ergeben so eine verkürzte Satzkonstruktion.

Wenn man schon in der Besetzung mit Institutionen allerorten aufwartet – selbst Kleinstrollen sind mit Blickfängen wie Wong Ching, Yu Rong Guang, Lam Suet und Eddie Cheung vertreten – kann man das Sichbewegen innerhalb von Organisationen auch per Weitergabe und Wiedergabe von Traditionen ausstaffieren. Sowohl die Problematik als auch Anlass, Motiv, Handhabe sind demnach wie weiland 1987 gehalten: Dem Beginn des Heroic Bloodshed- und des Triadenfilmes im ausdrücklichen, zumindest auch auf den Auslandsmarkt einwirkenden Sinn. Rein thematisch schon ein relativ eingeschränktes Subgenre. Ein Intarsienkabinett, dass sich gattungsmässig um die Konfrontation von Loyalität, Solidarität, Zuverlässigkeit und Anständigkeit gegenüber der Gruppe, der man sich verbunden fühlt und den eindeutig materiell bestimmten Werten und Zielen dreht und viel Augenmerk auf Durchgliederung, Rangordnung, Staffelung legt. Eine Auffächerung an widerstreitenden Individuen mit selten demselben Leitgedanken, noch seltener dem gleichen Beweggrund und schon gar nicht den identischen Arbeitsmethoden. Die Unterscheidung der Subjekte sowie die beginnende Reibung der Interessen und die handfeste Verdeutlichungsfunktion nimmt hier wie gewohnt den ersten Teil der Laufzeit ein. Das Ausleben des aufgestauten Grolls den zweiten.

Vom Einfachen das Beste, obzwar in Anachronismen, mehr Schau- als Überraschungseffekt und der schleichenden Erkrankung am sättigenden Überdruss. Ein reiner Demonstrationszug, in verlangsamt zerdehnten Blickwinkel. Ein leicht biederes Fernsehspiel mit Drang zur sterilen Stagnation. Zu erhaben, zu erlaucht, vielleicht auch zu selbstgefällig für die oberflächliche Aktion, die sich in einer späten Autojagd und kurzen Schusswechsel im Treppenhaus und Freien schon wieder erschöpft. Mit der überhand nehmenden Tendenz zum bürokratischen Formalismus, fern von Einsichten, Gemütsbewegung und Erregung.

Größere Facetten hat diesem schon in Stein gehauenen Material eigentlich nur Johnnie Tos Election - Zweiteiler abgewonnen, während der zahlenmäßig weit überlegene Rest sich genauso eng an die einstmals vorgebenden Gesetzmäßigkeiten hält. Das Verbindende in fast allen Entwürfen erleichtert für den Kundigen den Einstieg und bringt ihn um so manche inhaltliche Verlegenheit herum, bereichert ihn allerdings auch nur marginal. So wie der Film gedacht ist, als vorübergehende Wiederbelebung alter Recken, als kurzzeitige Besinnung auf einen Klassiker, so ist er auch formuliert und inszeniert. Mit stets wiederkehrenden Formen, zahlreichen Auftrittsankündigungen, die die Anhaltspunkte und Triebfedern eher vervielfachend hektographieren statt sie zu reinterpretieren oder gar zu brechen. Eine Arbeit der Restauratoren, die das über die Jahre verdunkelte Gemälde mit abermaligem Anstrich Aufputzen; unter Aufsicht von Museumsdirektor Lau, der als Finanzier neben der Beigabe von Wissen und Bekanntheitsgrad auch dafür sorgt, sich bei der Abwägung der Renovierungskosten gegen Neukosten für das Richtige zu entscheiden. Verdienen statt Ausgeben. Untergänge statt Aufbrüche. Ein leises Scheitern ohne Revolte.

Beschäftigt mit Richtlinien, Regelungen und der versuchten Glorifizierung sowie wiederholten Neuerfindung und auch dem Widerstreit zwischen Vergangenem und Jetztgefragtem, aber ohne Zukunft wirkt das Projekt ein wenig zu geräumig, zu überzentralisiert, zu leer und zu träge, um richtig Fahrt aufzunehmen. Zwar kommen vor allem gerade in einigen Massenszenen die momentan entscheidenden Emotionen auch zum Tragen und ist das Geschehen selbst im Stillen mit mehr Temperament als vielleicht ein Wo Hu - Operation Undercover gefüllt, so stellt sich die Regieführung dennoch mehr als ein routinierter und auch distanzierter Versuchsablauf längerer Plansequenzen als eine mutwillige Inspiration dar. Das starre System von monokausalen Abhängigkeiten, das meist passive Spielball-Verhalten, der spröde Kampf gegen die Mythen und die wie erschöpftes Desinteresse wirkende Mimik und Gestik der Darsteller bremsen die bestechende Professionalität immer wieder in Richtung geläufiger Gewohnheitsarbeit mit Durchschnittspraxis aus. Der Film ist nicht klein, aber auch beileibe nicht verschwenderisch und fern von opulenten Extremsituationen oder enthemmten Bildphantasien gehalten; das Meiste der glockenrein gepflegten Optik schlägt sich in der Ausstattung nieder. Ein regelmäßig zwischen brauner Holztäfelung, ergänzt mit Schattierungen, Gravuren, Einfärbungen und schneeweiß-glasklarer Technikfassade abwechselnden Architektur, die die verschiedenen Ebenen der dramatischen Bühnenplattform voneinander abtrennt. Eine zweidimensionale Illusion in konventioneller Filmsprache. Hell und dunkel. Gut und böse. Selbsterkenntnisprozesse und leidige Erfahrungen. Weissagung und Erfüllung.
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Freitag, 4. Januar 2008

Review: Hex [ 09/07/1980 ]

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Startschuss einer weitgehend unzusammenhängenden Trilogie, die im selben Jahr, nur fünf Monate später mit Hex vs Witchcraft und schließlich mit Hex after Hex [ 1982 ], nicht ohne gravierende Folgen für gewisse stilistische Entwicklungen fortgesetzt wurde. Während die beiden Nachzügler zwar wiederum Regisseur Kuei Chih-hung als Schöpfer vorweisen können, sind sie anders als das vorliegende Werk auch in der Jetztzeit angesiedelt und wandeln den hierbei bereits vorhandenen humoristischen Zwischenton immer mehr in eine reine Komödie um. Hex selber funktioniert im Vergleich noch verhältnismäßig als der Horror, unter dem er auch proklamatisch geführt wird. Lässt aber die Möglichkeit des wirklichen Erschreckens ziemlich untergehen und weist weder die extremen Lebenszeichen noch den Experimentiergeist improvisatorischer Ausgestaltung usueller Kuei-Arbeiten auf.

Als vorsichtig tastender Einstieg für sowohl die beiden lauten Namensvettern und das Kommende in Richtung Grauen, als auch als selbständige Lektion in Sachen spätromatischem Bildraffinement mit stillstehendem Zeithorizont macht man seine Sache allerdings wieder ausgezeichnet.
Wenn man das [immerhin von gediegenen Quellen inspirierte] Variationswerk-Drehbuch bzw. dessen Mängel vertragen kann.

Dieses nimmt nämlich den denkbar einfachsten Weg der Auflösung möglicher Verkomplizierung. Vorfälle passieren nicht nur aus einfach heiterem Himmel und ohne jedweden Nachfragens der Beteiligten und ihrer Umwelt heraus, sondern sind auch niemals das, was sie im Offensichtlichen zu scheinen vermögen. Transparent gemachte, aber nie klar aufgelöste Geheimnisse. Eine Privatideologie, in der nicht nur alles passieren, sondern sich auch stetig ändern kann, ohne einen plausiblen Grund für diese Vortäuschung oder sei es selbst bloß eine Ausrede zu liefern, und diese Holprigkeiten allein durch die Suggestion einer pikanten Fiebervision in impressionistischer Studioatmosphäre bestimmt. Für den Logikbewussten eine totalitäre Schreckensherrschaft an Unglaubwürdigem in beinahe maschineller Wiederholung; auch die Dissonanzen in Gemütslage, Flair und Entwicklungsrichtung nehmen sich ihre eigene schmerzhafte Freiheit, die sie seitens des Regisseurs wohl glauben, finden zu müssen.

So wird aus dem Grundklang melancholisch klagender Tendenzen mit wabernd düsterer Sinnlichkeit und versiert morbider Partitur zwischenzeitlich ein schreiend fideles Schrullenspiel, dass mit postmodernden Anleihen fast in die damals ebenso gefragten Kung Fu Klamotten überwechselt – nur ohne Martial Arts, aber dafür mit Yue Tau Wan und Hon Gwok Choi in derbgrellen bit parts –. Das sorgt durch seine wie in schierer Zufallskombination eingefügten Faxen sicherlich für Amüsement, dünnt aber die dicht aufgebaute Harmonik betreffs des tödlich traurigen Kammerspiels mit Drei-Personen-Besetzung nach und nach aus. Und stellt spleenig zerfaserte Gegenentwürfe und recht kurzatmige Motivverläufe zu der sonstig dramatischen Unmittelbarkeit her:

China, zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts.
Chan Sau Ying [ Tanny Tien Ni ] ist der letzte Spross einer einstmals wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die mittlerweile aber recht runtergewirtschaft im früheren Guangzhou verharrt. Verbandelt mit dem eingeheirateten Yeung Chun Yu [ Wong Yung ] und durch eine Lungenentzündung ans Bett gefesselt sieht sie trüben Tagen entgegen. Yeung hatte sich seine Ehe anders und vor allem mit mehr Reichtum gesegnet vorgestellt und macht seinen Ärger nicht nur in Alkohol-, Spiel- und Sexsucht mit Prostituierten, sondern auch in Schlägen gegenüber seiner erduldenden Frau und den Angestellten Luft. Als bereits das letzte Dienstmädchen den Beruf niedergelegt und das Weite gesucht hat, steht mit der jungen Leung Kei Wah [ Chan Si-Gaai ] ein Hoffnungsschimmer vor Chans Tür. Leung, die aus Pflichtschuld ihrer Mutter freiwillig die unterstützenden Tätigkeit aufnimmt, aber bald ebenfalls die Schikanen des Hausherrn ertragen muss, wehrt sich eines Nachts. Zusammen mit Chan ertränkt sie den Peiniger im Wasserbottich, um ihn anschliessend im nahegelegenen Teich zu versenken und einen Unfall vorzutäuschen.

Contains moderate violence and horror, cruelty to animals, and nudity.
Eine Litanei von Leid und Leichen, aber fern von kühneren Formulierungen.
Weitgehend nur ein Schauplatz. Stark begrenzte Personenkonstellation und ausgegrenzte Gefühle. Ein figürliches Dreieck, dass insgesamt vielleicht zwei- dreimal überhaupt den Gang an die Öffentlichkeit wagt und ansonsten nur weiträumige Exkursionen innerhalb der eigenen Gemäuer veranstaltet. Das Anwesen als auch das Gewässer als sichtlicher Bestandteil eines Ateliers, beengte Verhältnisse, kein Horizont, kein Himmel, kein Tageslicht. Interieur und das Wenige an Außenseite von Nebel umschlungen, alles wie hinter einem Schleier, fast stetig fahle Beleuchtung, herbstlich hohe Luftfeuchtigkeit, beinah monochrome Bilder im dunkelsten und kühlsten Braunton. Eine Reduktion des visuellen Materials an der Grenze des Verstummens, dafür ein strukturelles Aufschichten und eine Artikualtionsgestaltung im intimen Rahmen. Dekorationsaufwand, mit aller Innigkeit eingefangen ja. Statisterie nein. Eigenständiges Schauspieltheater muss man ebenfalls verneinen. Dafür ist mit Tanny Tien Ni ähnlich wie auch in Kueis Corpse Mania eine Darstellerin auf der Bühne, die gestische Nuancen mit überanstrengt plakativen Gesten verwechselt und während des ersten Drittels nicht nur wie ein seekranker Matrose über die Holzplanken stolpert, sondern auch nie den Ausdruck der Tragik formuliert bekommt, die als drohendes Schicksal über den Häuptern der beiden [Ex-]Liebenden liegt.

Thrillverwandt mit Clouzots Les Diaboliques [ 1955 ] läuft die erste Hälfte ab; Misanthropie, Misogynie und die Zwänge des Feudalsystems sind ebenso wie die Sachlage und die Gruppierung mit augenfälliger Beweislast übernommen worden. Auch hier taucht der Tote nicht mehr auf. Sein aufgedunsener Körper wird nicht an die Oberfläche des Teichs gedrückt und der baldig aufschwappende Verwesungsgeruch entpuppt sich als von Hund- und Schweinskadavern verursacht.
Verschwörung und Komplott, ein schemenhaftes Huschen und Haschen, Erregungsdrama, Suspense, Nervenkitzel und Albtraum schließen sich an. Ein versperrter Rückweg, unvorhergesehene Wandlungen und das hohe Maß an Schuldgefühlen führen zu weiteren Einschwingvorgängen. Die sich schlussendlich doch zur wenigstens im märchenhaften Kontext brachialen Gewalt ausweiten, ohne gleich in den abwechslungsreichen, aber melodisch stereotyp auf den Zuschauer einhämmernden Psychoterror nachstehenden Shaw Horrors zu verfallen, sondern eher einen weiteren Klassiker zitieren: "The Story of Mimi-nashi-Hôïchi" aus Masaki Kobayashis Kwaidan [ 1964 ].
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Mittwoch, 2. Januar 2008

Review: Seeding of a Ghost [ 29/12/1983 ]

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Nach der Pflicht die Kür.
Die folgerichtige Weiterführung von Richard Yeung Kuens Hell has no Boundary, der ein Jahr zuvor zwar nicht den Inhalt, aber die Thematik und auf jeden Fall die Machart samt konzeptueller Grundlinien und Aufmerksamkeitsraster bereits mit sicherer Hand vorexerzierte. Ohne auch nur annähernd den beinahe schon legendären sagenumwobenen Ruf von Seeding of a Ghost zu erreichen. Ein unvoreingenommenes Herangehen an das Produkt ist aufgrund der Schauermärchen um den lange Zeit nur unter der Hand zu habenden Film und der entsprechend traditionsreichen, aber eben weltabgeschiedenen Aufbahrung in den idealisiert verherrlichenden Erinnerungen nahezu unmöglich. Bis in die hintersten Ecken der Hörensagens nehmen die zu enormen Auswüchsen verklärten subjektiven Bühnenerlebnisse vor allem bezüglich der prädigitalen Gewalteskalationen "Zerstückelung, Ausweidung, Verwesung" mehr die Form einer andenkenden Empore als eine bloße retrospektive Sicht ein.

Das Heraufbeschwören im schönen Schein und das Ausrufen der absoluten Maxime im Splatterpunk nimmt der ansonsten durchaus würdigen Erzählung um die Zersetzung einer bestehenden Ordnung im üblich bunten Videogramm leider ein wenig die Überzeugungskraft. Nach alldem Tamtam ist ein konsequentes Die Dinge zurecht rücken mit eigenen Augen allerdings nicht nötig; besonders im Inneren des damals aktuellen Horrorgenres nimmt das Werk dennoch herausragende Stellung und fast schon einen Platz auf der alles überschaubaren Galerie ein.
Auch wenn Regisseur Yeung auf stark tradierte Genremuster zurückgreift, die ebenfalls gewohnte Sakralarchitektur derlei gefragter Arbeiten wie seine Artkollegen Kuei Chi-hung und Ho Meng-hua nutzt und ein gleicherweise böses Märchen von den modernen Ansprüchen einander widerstrebender Prinzipien formt.

Vor allem gelingt ihm Einschnitt und Einsturz der orakelhaft spiritistischen Welt in das Alltagsleben der Figuren überzeugender als bei den anderen Vertretern. Die Zeichnung vom Hier und Heute nimmt trotz konsequenter Reduktion nicht nur wesentlich mehr Raum als sonstig ein, sondern vollzieht sich tatsächlich an nachempfindbaren Gefühlen und Situationen von Befangenheit und Unfreiheit, die abseits vom sonstigen Camp und Ironie lauern. Die Mitte der Gesellschaft als profanes Miteinander puritanischer Ideologie, mit wahrhaftigen, aber dann auch entsprechend banalen Kontakten zur Umwelt. Einer schlichtweg einfach gehaltenen Soziologie entsprechend konstituierter Erwartungshaltungen, in der die Wechselwirkungen zwischen den Menschen nicht aus irgendwelchen Phänomen, sondern rein aus dem gemeinem Handeln, der Orientierung des eigenen Verhaltens entstehen:

Als der Taxifahrer Chow [ Philip Ko ] des Nachts aus Versehen beinahe einen verfolgten Grabräuber überfährt, ihn dann aber vor der jagenden Meute rettet, warnt dieser ihn vor kommenden Unheil vor. Der frisch Verheiratete gibt nicht viel auf das vermeintliche Geschwätz, muss sich allerdings bald dem Schrecken stellen. Seine Frau Irene [ Marsha Yuen ], die währenddessen eine leidenschaftliche Affäre mit Anthony Fong Ming [ Norman Chu ] begonnen hat, wird kurz darauf von zwei jugendlichen Rabauken vergewaltigt und getötet. Chow, der sowohl von den Angreifern als auch dem Nebenbuhler Rache will, nutzt die Zufallsbekanntschaft des Fakires und die Leiche seiner Frau für ein höllisch knüppelhartes Teufelswerk.

Was klingt wie ein eskatisch verfilmter Derwischorden in geistiger Versenkung ist über die komplette erste Hälfte der angenehm kurzen Laufzeit ohne weitere Ablenkung ein relativ bodenständig, ja gar geerdetes Miteinander mit Wiedererkennungswert in voller Nacherlebbarkeit. Fang sucht die Abwechslung von seiner Frau Ak Kit [ Tin Mat ], während Irene einfach aus ihrem Trott des gewöhnlichen Durchschnitts ausbrechen möchte, da die Ehe trotz der Kürze bereits nach dem routinemäßigen Fahrplan des eingewurzelt regelmäßigen Trotts abläuft.
Aufgrund der Einstiegsszene und der warnenden Drohung des Magiers mit bereits eingeleiteter fragiler Dimension steigert sich die Unruhe, ohne dass irgendwelche Beweise für eine tatsächliche Gefahr vorgebracht werden und das Geschehen sinnlicher Befreiung sogar eine komplett andere Sprache spricht. Dass man sich als Zuschauer sowohl an dem schnell beginnenden horizontalen Bratkartoffelverhältnis mit dem einseitigen Drang zur Romanze und Mehr als auch der rasch schwülstiger werdenden Bildsprache, dem verschnörkelten Klaviergeklimper und besonders den allzeit neckischen Wasserspielen erfreuen darf, formuliert vielmehr eine theatralisch kitschige, sprichwörtlich spannungslose Behaglichkeit mit softcore Attitüde. Ein Bild des idyllisch geschwollenen Friedens, dass in seltsamer Melancholie fast zu schön ist um wahr zu sein. Eine vertraut geläufige Vorstellungswelt mit normativen Beschränkungen – Die Zehn Gebote in ihrer Kurzfassung – , die dem düsteren Jenseits des Verdrängten weichen muss.

Da man nicht ewig in weicher Zeitlupe am Badestrang entlang springen oder die Bettlaken durchwühlen kann und auch den Widerstreit zwischen Form und Substanz nicht heraufbeschwören möchte, greift der Ernst des Lebens in Form der eigenen Gefühle und der des Anderen umso heftiger ein. Schon aufgrund dessen, dass der Horror sich immer den Maßstab zur Gewichtung nimmt, wie eng man sich an die streng reglementierten Regeln hält oder eben nicht hält. Wenn man auf [full frontal nudity] Abwege gerät, begibt man sich in Gefahr. Die Antinomie der Wünsche, die Disparität der Erziehung und das Brechen der zutiefst bürgerlichen Moralkonstruktion verlangen die Strafe für die verboten lüsternen Blicke, die Provokation der außerehelichen Berührungen und das wilde Ausleben der Sexualität; als die Differenz zwischen Sehnsuchtsvorstellungen und Realität offenbar wird, wird aus Liebe Hass, aus Begierde Gewalt und aus Leben Tod. Der erotische Impuls als die Metapher für die verschlossene Tür, die man mangels innerer Verbundenheit, religiöser Festigung und eigener Frömmigkeit nicht öffnen sollte. Und wenn doch, aus schmachtendem Verlangen alsbald Perversion in Form von Missbrauch, Inzucht, Nekrophilie und der Genusssüchtige sowie der Rechtsbrecher in zielstrebiger Ausstreuung des Übels vernichtet wird.

Ein denkbar einfaches Erzählprinzip, fern kinematographischer Improvisation. Vom Wahrhaftigen mit Sinn für emotionale Nuancen, Stilbrüche und Intertextualitäten in die geradlinig unverblümte Imagination. Von der Ordnung ins Nichts. Eine Sphäre der Einbildungen, indem sich alte Religion, Schwarze Messen und unerklärbare Relikte in strenger Befolgung ihrer Bräuche unter schwersten Bedingungen vereinen. Fassbare Erlebnisse treten in den Hintergrund, langes Hinauszögern, hier und da kleine, oft nur angedeutete Kostproben, in der die Sprödheit des Anti-Buddhismus zum Ausdruck kommt. Ein unheilschwanger drohend Grollen, um zunehmend in die visuelle Explikation nahezu orgiastischer Deutlichkeit zu verfallen. Auf die letzten Meter gar ein Umkippen ins Monströse mit ausufernder Eskalationsästhetik. Mutierte Angriffe auf Geist, Seele, Leib und Organismus. Aderlass und deftige Bluttransfusion in various deaths / creative killing Entkoppelung: Einer der Täter darf Würmer speien, der Andere etwas Unangenehm nach Gehirn aussehendes Fleischiges essen. Seine Wirbelsäule wird durch transzendentale Kräfte bei vollen Bewusstsein aus dem Rücken hinaus gebrochen. Bäuche explodieren oder werden durchbohrt, Arme abgetrennt und Gesichter zur Hälfte abgerissen...
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Montag, 31. Dezember 2007

Review: Boxer's Omen [ 29/10/1983 ]

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Please follow me, ladies and gentleman. We will go inside the Temple to see very interesting places. You can see anything there and you will enjoy it. So please, follow me.

Nichts bereitet Einen wirklich adäquat auf das entheogene Seherlebnis Boxer's Omen vor, ein Nervenkitzel im Vollrausch mit zwanghaft diktierter Leidenschaft für Provokation und Zumutung. Eine cineastische Herausforderung, die weder durch vorheriges Lesen von Beschreibung und aufzählenden Kommentaren, das Wissen um Kuei Chi-hungs staunenswerten Drang nach Grenzüberschreitung im ausschweifenden Taumel noch die Kenntnis seiner bisher veranstalteten Filmography glaubhaft vermittelt werden kann. Auch wenn bei Letzterem in makaber-farcenhaften Arbeiten wie Killer Snakes, Corpse Mania und Bewitched auch die eine oder andere Eskapade erlaubt und so sicherlich bereits klare Ansagen bezüglich des etwaig kommenden Gustos gemacht wurde. Bewitched sogar eine Art chill-and-thrill Prequel zu der hiesigen, geradezu obsessionellen Besudelung darstellt und in formulierter Raffung auch den Auslöser des vorliegenden Schwarzen Zauberspiel im psychedelisch getönten Märchengewand darstellt.

Wo dort das Böse besiegt und besiegelt wurde, steht es hier wieder auf, mit vereinten Kräften wird die Rache in Schandtat vollzogen und der ewige Kampf erneut vorgeführt. Anlass für Regisseur Kuei, im Jahre des Exzesses 1983 noch einmal und auch wie fast als Abschluss seiner Karriere in die Selbstherrlichkeit gnadenloser Lauterkeit zu verfallen, auf die objektive Abwägung zugunsten des Herausarbeitens wirksamer esoterischer Effekte und selbstzweckhafter Groteskheit zu verzichten und die Schattenexistenz unheilvoller Illusionen hervorbrechen zu lassen. Ein irrationales, aber dafür konsequent radikales AufdieSpitzetreiben zum krönenden Finale, ohne dieser Gedärm-Orgie einen kalkulierbaren Seriencharakter zu verleihen. Ein Uberwältigenkönnen mit Hilfe von Entrückung, Magie, der Sinnenfreude und des -schmerzes, der Neugier statt der Emotionalität. Eine Verbeugung vor der Einbildungskraft vorzüglicher Lebhaftigkeit, die von Tageslicht ausgesperrt ihre liebste Zuflucht in der greulichen Dunkelkammer ganz hinten im Gehirn findet. Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen:

Triadenhäuptling Chan Hung [ Philip Ko ] hat nicht nur Ärger mit konkurrierenden Festlandchinesen, sondern eben auch mit ansehen müssen, wie sein Bruder Chan Wai [ Johnny Wang ] vom gegnerischen Boxer Ba Bo [ Bolo Yeung ] hinterrücks in einem kickfight event in den Rollstuhl niedergeknüppelt wurde. Um es dem feigen Angreifer heimzuzahlen, geht er nach Thailand und fordert den vermeintlichen Sieger zur Revanche heraus. Doch auf dem Auslandstrip stößt er vermittels Abt Qing Zhao [ Elvis Tsui ] noch auf ganz andere Gefahren, ausgelöst durch Master Jing Chao [ Lam Hiu Yin ], deren Bekämpfung ihn nach Nepal, dem Dach der Welt führen.

Bis der Götzendienst soweit ist, hält wieder Thailand in all seiner fremdländischen, erneut rustikal-provinziellen [Alb]Traumexotik für den Einbruch des Grausens in die einstmals harmlose Realität her. Ein Widerspiegeln elementarer Ängste der Zeit findet nie statt, vielmehr zeichnet die Abwesenheit der vermeintlichen Zivilisation samt ihrer Sitte, Anstand und Regeln das Geschehen nach dem Eintritt in die Aura der Mystik aus. Statt der möglichen Ausarbeitung des dräuenden Bandenkrieges oder der Konzentration auf den Karate Tiger 3 Plot samt Sex galore Einheit wird alles Vorhandene an Storyoptionen schnell fallen gelassen, was der beizeitigen Labilität und Perspektivlosigkeit dient. Eine Reise von geistiger Gesundheit zum entmachtenden Wahnsinn, von eindeutig greifbarer Bedrohung zum beispiellosen und maßlosen Übel, vom Hier und Jetzt ins Twilight Zone Nirgendwo von Halbdunkel, Umriss und Schattierungen. Ein plötzlicher Überfall der erstarrten Fassungslosigkeit, die mit bestürztem Befremden alles bisher Angenommene um 180° dreht und so Beteiligten und Beobachter den Boden sicherer Erfahrungen einfach wegzieht. Erst Prüfung des Verstandes, dann ein tiefer Fall ins Ungewisse, mit täglich wachsendem Entsetzen, in der der Horror schon und eigentlich auch nur aus der reinen Irritation entsteht. Das Sehen und Erleben einer torsohaften Abfolge von Abscheu, Phobie und auch Panik auslösenden Szenen, die in geradezu pfarramtlich salbungsvoller Umgebung buddhistischer Tempel angesiedelt sind.

Ein Blutegelbad. Das Wiederbeleben von konservierten Wasserleichen, die man im Magen eines frisch getöteten Krokodils aufbettet. Das nächtliche Hinauswürgen eines Schlangenaals. Das Verköstigen mit eigenem Wiedergekäutem und fremden Erbrochenem. Maden, die aus Augenhöhlen gekrochen kommen. Das versuchte Erdrosseln mit frisch abgerissenen Halssträngen.

Fern von Benehmen, Betragen und Geschmack oder auch einer zeitlichen und kulturellen Achse wird eine weitgehend lose Aneinanderreihung anfangs durchaus amüsanter, schon durch ihre kitschig-bunte Absurdität auch lächerlicher, aber bald schlichtweg abstoßender gross out Akte voll Unstern und Marter dargeboten, die auch zumeist die so genannten Eckpfeiler der Angst, der Lust und der Komik vollkommen vernachlässigen. Und jede metaphorische Signifikanz als auch die Ambivalenz missachten, da man von derlei nomadischem Geschehen nicht mehr angezogen, auch nicht abgestumpft, sondern trotz all dem Erstaunen oft nur noch angewidert wird. Der Verzicht auf die Erlösung durch schützende Genrekonvention, einer narrativ vorhersehbaren Schablone oder auch einer Identifikation mit den handelnden Figuren sowie die Beklemmung und Bestürzung der lokalen Notorischen Weltangst tun ihr Übriges. Allerdings muss man attestieren, dass nicht wie heutzutage üblich eine reine torture session abgeliefert wird, sondern Inszenierung samt Überreste von gebrauchter und missbrauchter Dramaturgie trotz aller abscheuerregenden Unappetitlichkeit immer noch in Vordergrund stehen. Auch eine künstlerische Qualität beanspruchen, und Kamera / Musik / Schnitt entsprechend dem offenkundig gut genutzten Produktionsvolumen erstaunlich tadellos sind.

Sicherlich kann man das folgende Spektakel in der Ablehnung des Normalen auch zwischen den Blut-und-Eingeweidestücken des Théâtre du Grand Guignol, dem Zirkusshow-Schaustellerstil eines Alejandro Jodorowsky und dem paradoxen Fanal Ein andalusischer Hund setzen, sich den Zusammenhang zwischen all den Bildern zusammen dichten und auch auf verschiedene Deutungsebenen begeben. Höchstwahrscheinlich wollte Kuei abseits jeder moralischen Forderungen, der abermalig pastoralen Einführung in buddhistisches Philosophieren und der Handlungsmotivation durch Schöpfung, Tod und Wiedergeburt/Auferstehung wiederum nur die Sensationslüste und Spekulationsgier in die Abgründe der eigenen Seele führen. Der Zwang, in der visuellen Herausforderung ständig das Vorherige überbieten zu müssen führt zu einer kurios intensiven "Unterhaltungs"form mit oft surrealen, gleichzeitig naturalistischen und übernatürlichen Phänomenen, delirant umher irrend zwischen Abenteuer, Ahnenkult, Fantasy, Science fiction und Phantasmagorie.
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Review: Bewitched [ 11/09/1981 ]

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Es ist leider nicht bekannt, wie gut und fest Regisseur Kuei Chi-hung Anfang der Achtziger geschlafen hat, bevor er 1984 in die USA auswanderte und sich dort zur Ruhe setzte. Tatsache ist, dass der geneigte Zuschauer, sollte er sich denn seine letzten Arbeiten ohne Unterbrechung im Akkord ansehen, wohl viel von den Albträumen erahnen kann, die der durchaus kreative Geist gehabt haben muss. Trotz einiger Komödien noch nie bekannt dafür gewesen, sich der leichten Unterhaltung hinzugeben, war Kuei Mit-Initiator der plötzlich aufschwappenden Horrorwelle im Hongkong Kino als auch ihr diensteifrig rastloser Antreiber; immer zur Stelle, um das nächste Tabu, die nächste Grenzüberschreitung in Angriff zu nehmen. Leider entging dem Publikum in den letzten Jahren seiner Tätigkeit das spezielle Händchen für die tatkräftig pfundige Action; Kueis zweites Standbein wurde zugunsten von Wurmspeiereien, Pestbeulen, Giftbrühen und anderen Geschmacksverirrungen in ihresgleichen suchender Abscheulichkeit vernachlässigt. Ein Schicksalsschlag für Diejenigen, die die schnelle Attraktion bevorzugen und gleichzeitig ein Glücksfall für die gorehounds, die weder das Kino der Suggestion noch die Kunst der Andeutung suchen.

Auch Bewitched legt gut los: Ein Familienpicknick im Grünen hat nicht einmal die klitzekleinste Chance, so etwas wie Friedlichkeit und Idylle auch nur anzutäuschen, wird doch binnen weniger Sekunden die von Ameisen bedeckte Leiche eines kleines Mädchens gefunden. Der ermittelnde Inspector Bobby Wong King-sun [ Melvin Wong ] macht über einen Augenzeugen, einen Taxifahrer und die Schuluniform der Verstorbenen rasch den Täter ausfindig. Ihren eigenen Vater Stephen Lam Wai [ Ngaai Fei ], der sich auch geständig zeigt, dabei zwar jegliche Schuld ablehnt, trotz psychologischem Gutachten aber trotzdem zum Tod durch Erhängen verurteilt wird. Doch vorher erbittet er noch ein Gespräch mit seinem Gegenüber Wong, der die ganze Angelegenheit plötzlich mit anderen Augen sieht.

Was der Zuschauer abgebildet bekommt, lässt auch bei ihm gewissen Spielraum erweitern und bisher vorenthaltene Kenntnisse hinzufügen; abseits des blanken Kontextes im Film sogar. Vor allem aufgrund der baldig anschließenden Rücblende durch Stephens Erzählung, die seine Sicht der Ereignisse präsentiert, wird nicht nur die materielle Struktur späterer Exploiter vorweggenommen – nahezu grundsätzlich arbeiten fast alle Cat 3 Werke mit genau demselben Aufbau von narrativer Aufdeckung durch Befragung eines Polizisten – . Sondern auch das exakte zeitgenössische Gegenstück zum Vorschein geholt. Herman Yaus fahl leuchtender Gong Tau: An Oriental Black Magic [ 2007 ], der seit langer Zeit nicht nur der erste ernstzunehmende Vertreter aktuellen kantonesischen Horrors, mit handfester Konsistenz der inszenatorischen Repräsentation ist, sondern auch das Interface zur eigentlichen Hochphase der Gattung eben von 1974 - 1983 aufweist. Die Schnittstelle zwischen der Erneuerung und der Rückkehr. Allerdings lag der bisher als Inspiration angenommene Querverweis immer ein wenig auf dem zumindest im Originaltitel gleich lautenden Black Magic - Das Omen des Bösen [ 1975 ], dabei ist das vorliegende Werk viel dichter an der Quelle der erleuchtenden Anregung justiert.

Auch wenn sich die konkrete Beeinflussung bloß in der Eingebung der speziellen Ausgangsidee und dem grob skizzierten Setting samt der plastischen, nicht gleich parabolischen Übernahme einiger spezifischer Szenen niederschlägt, sind die Gemeinsamkeiten doch charakteristisch hervorstechend genug, um Leitgedanke, Grundgerüst und Phasengrenze nun doch unübersehbar zuordnen zu können:
Augenscheinlich evident vor allem die Episode des weltmännischen Stadtmenschen, der auf Urlaub in Thailand seinen Flirt mit einer Einheimischen zu weit treibt und der scheinbar harmlosen Mätresse das Gefühl der großen Liebe und ihrer Einzigartigkeit gibt. Um in heimischen Gefilden das "Aus den Augen, aus dem Sinn" Motto zu betreiben. Um prompt von der unerbittlichen Rache der Frau heimgesucht zu werden.
Auch ein nächtlicher Angriff aus dem Nichts auf einen Polizisten, der gerade seine Streife vollzieht, wurde nahezu im offenkundigen 1:1 illustriert; Bewitched als das intuitive Urbild der Vernetzung der vorhandenen Ressourcen, allerdings nicht das Idealbild.

Zu weit ist man entfernt von dem Test des Charakters im Dämmerzustand, der Schattenfamilie des gotisch poetischen Märchens, dem optischen Restlichtverstärker. Man weist keine konkrete Angriffsstrategie, keine pechschwarze Belagerung oder beunruhigende Rationalität auf, sondern bezieht sich viel auf das Hinterland der fremdländischen Exotik, der Andere Länder, Andere Sitten - Phantasie, dem überfarbenen Kontrast zwischen der urbanen Moderne und dem bäuerlichen Vorleben. Ein Gegensatzpaar, dass sich in einem seltsam buntschillernden Regenbogen voll Mythenmixturen zu sehr darauf konzentriert, seinen eigenen Impresario wie Albus Dumbledore auf Hogwarts zu zelebrieren statt die Wirklichkeit zu manipulieren oder die Angst direkt inmitten der Realität zu holen.

Zu sehr Abrakadabra-Trash, ausgelassen überdrehter Surrealismus, paradoxe erzieherische Fabel mit ethischer Lektüre – "Simultaneously, the moral of this story is to admonish people against casual sex and to be on guard against witchcraft." – statt der symphonischen Projektion dunkler Zweifel und Widersprüche. Stilistische Unterschiede, die sich im Verzicht der Ambivalenz formulieren. Abstriche nicht nur im direkten Vergleich, sondern auch bei abstrakter Betrachtung müssen besonders im Verhältnis der materiellen Substanz zur zeitlichen Ausdehnung gemacht werden. Abgesehen davon, dass Stephens Bericht ausschließlich als Alibi für ein rein touristisches Abklappern diverser lokaler Sehenswürdigkeiten von sowohl der Stadt Nanyang in der Provinz Henan als auch dem Badeort Pattaya und entsprechend neckischen Wasserspielen am Strand oder in der Badewanne herhalten muss. Und sich dort die pop Art - Dramaturgie bar dem Geheimnis der Frau an sich, dem Mysterium ihrer Erotik und der sexuellen Unterwerfung des männlichen Geschlechts fast selber den sprichwörtlichen Strick nehmen kann. Das Aufsuchen geographischer Attraktionen setzt sich unter leicht verändertem Anliegen bei fortführender Erkundung von Cop Bobby auch noch einmal von vorne fort. Eine rein oberflächliche Wiederholungsstrategie, die wohl dem ansässigen Reiseunternehmer als Wiedergutmachung für entgangenen Verdienstausfall das Geld in die Kasse spülen soll. Nach Konsum der sich im Anschluss vollziehenden Gräueltaten überlegt man sich nämlich mehrmals, ob man die nächste standard class Stadtrundfahrt nicht doch lieber ausfallen lassen sollte; die Vergeltung der geschassten Dorfschönheit überschlägt jede Verhältnismäßigkeit eines gebrochenen Herzens nämlich schon mit Schritt Nummer Eins.

Zwar wird auch der Sadomasotrip noch hinausgezögert und ein scheinbar ewig dauernder Fakirwettstreit zwischen Guter und Böser Magie eingeschnitten, der wie aus dem Handbuch für kleine Geisterbanner zitierend ein "Die Hexe und der Zauberer - Special Collection" abfeiert. Doch ab dem Vollzug des Fluchs, denn die Dame schon vorsichtshalber mit deadline über ihrem vermeintlichen Prinzen beschworen hat, befindet sich Regisseur Kuei samt seinen Gefolgsleuten von der Maske schlagartig in hartnäckiger Präsentierlaune. Groß in Mode ist erneut das Hantieren mit allerlei Maden, das Herumpanschen mit abartigem Sud aus Schweiß, Blut und Gedärm, unangenehm scheußlicher Entstellung von Körper und Gesicht und fratzenhaft grässlicher Vermummerei. Wobei man im Nachhinein nur dankbar sein kann, dass, auch wenn die Effekte durchaus ihren Zweck des eindringlichen Ekels erfüllen und mit Liebe und Einfallsreichtum hausgemacht, sie lange noch nicht auf der Höhe der Zeit und doch unmissverständlich als fake zu identifizieren sind.
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Sonntag, 23. Dezember 2007

Review: Corpse Mania [ 03/06/1981 ]

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1974 hat Shaws Experte für das Grobe, Regisseur Kuei Chih-hung das einschneidende Horrorgenre mit Ghost Eyes mit aus der Taufe gehoben, Anfang der Achtziger trägt er es mit Samthandschuhen wieder zu Grabe. Zwar sollte das Metier noch einige Monate auch in der Totengruft erblühen, bevor es sich dem schrill aufbereiteten Unterhaltungsjahrzehnt geschlagen gibt; nach Corpse Mania war aber das letzte Tabu gebrochen, die Zerstörung durch die Deutlichkeit bereits voran geschritten und die Balance aus Neugier und Angst, aus Faszination und Beklemmung vorübergehend zu sehr in die Ecke der Abscheulichkeit gewichen. Aus dem furchtsamen Blick in die Abgründe, dem Nervenkitzel beim Schock, der Lust und der Neugier beim Betreten der Orte des Schauderns und des Fürchtens samt heilsamer Katharsis ist dieser Schritt scheinbar einer zu weit in die Urängste hinein gewesen.

Die Eleganz des Phantastischen, der Reiz des Bösen, der Umgang mit dem Jenseitigen, der Bereich des Wunderbaren, des Nichtrealen, der Fiktion wird abgeschnürt und gegen Memento te hominem esse und Memento mori ausgetauscht. Bedenke, dass du ein Mensch bist. Bedenke, dass du sterben musst.
Der antike Mahnruf nimmt im Film selber zwar nur den Aufhänger der Geschichte ein, die diese Verletzung des Bannes zwischen dem Wunsch nach dem Blick und der Furcht vor ihm gar nicht als unbedingten Auslöser bedurft hätte. Eine optische Illusionspraxis. Die eigentliche Handlung würde auch gut ohne ihre trügerische Tendenz zur Transgression, zur ablenkenden Überschreitung auskommen und hat auch genügend weiteres, im Vergleich zum Prolog geradezu harmloses Material für die Befriedigung der Schaulust auch in der Inszenierung des Todes zu bieten:

Guangzhou, irgendwann in den 30ern.
Als der Fäulnisgeruch die umliegenden Anwohner erreicht wird ein erst kürzlich neu bezogenes Anwesen aufgebrochen, dabei findet man eine von Maden übersäte Leiche vor. In der durch die Autopsie festgestellten Gewissheit, dass der nunmehr verschwundene Herr des Hauses erst kurz zuvor mit der angeblich kranken Frau Geschlechtsverkehr vollzogen hat, macht sich Police Chief Zhang [ Wong Yung ] mitsamt Assistent Junde [ Tai Gwan-Tak ] zu seinem Kollegen Liu [ Walter Tso ] nach Foshan auf, wo nur wenige Zeit zuvor ein ähnlicher Fall stattgefunden hat. Liu erzählt ihm die Ereignisse um den mysteriösen Li Zhengyuan, der aus Liebe zu einer freigekauften Prostituierten diese bis in den Tod gepflegt und sie auch darüber hinaus umsorgt hat. Und mittlerweile Interesse an sämtlichen Angestellten der Bordellbesitzerin Madam Lan [ Tanny Tien ] zeigt, auch an ihrer Adoptivtochter Yan Er [ Yau Chui Ling ].

Die Beschäftigung mit dem Thema der Nekrophilie ist in seinen Bildern anders als bspw. die kunstvollen Umschreibungen geträumter Sünden Vertigo – Aus dem Reich der Toten oder Das grüne Zimmer aber zu demonstrativ, zu artikuliert, zu drastisch, um nicht den Preis der Zerstörung der ungeschriebenen Regeln zu zahlen. Dem Fetischismus und dem Voyeurismus wird die Imagination genommen. Auch wenn keine entsetzte Entmystifizierung wie bei dem obduzierenden Gegenstück The Act of Seeing With One’s Own Eyes stattfindet, nicht dokumentarisch in genauer Kälte oder klinischer Distanz hingesehen wird, werden in der Beziehung von Tod / Sexualität, Begehren / Vergängnis, Wonne / Leiden – "even dying is an act of eroticism..." – die Grenzen für Abwegigkeit und Verdrängten nicht bloss angetastet, sondern zu sehr aus dem Geheimnis des Kinos heraus und in die Hilflosigkeit des Lebens hinein gezerrt.

Die Sicherheit der Konvention und die versehrte Schönheit anderer Shawscher Horrorwerke nahe dem gothic cinema ist deswegen hierbei schon von Beginn weg; eine unverschämte Dreistigkeit narrativer Laterna magica, die in seiner späteren Banalität schon wieder äußerst kreativ und vor allem clever ist. Durch die schnelle Konfrontation mit dem Unaussprechlichen wird der Boden sicherer Tatsachen komplett entfernt und das Unvorstellbare zur Realität, auch wenn das Lug- und Trugmärchen rückwirkend recht offenkundig ist. Allein die Szenerie der beiden Städte ist derart übertrieben abgestorben, dass das einstig glanzvolle Studio der Spätromantik schon mehr einem Friedhof bar jedem Ästhetizismus ähnelt. Die Reise von Zhang und Junde nicht von Hell zu Dunkel, sondern von einem trist deformierten Ort zum Anderen, beide von einem wie durch Ansteckung übertragenem Fieber in die Auflösung verzerrt. Es ist niemals richtig Tag, nie hell, nie scheint die Sonne oder wirkt es warm. Ein Reich der Schatten, der finsteren Ecken, hohe Luftfeuchtigkeit drängt den Nebel durch die diesigen Nebengassen, eine klaustrophobische Waschküche aus aasigem Laub, Schmutz, Staub, Spinnenweben, ähnlich dem Elendsviertel Whitechapel. Nach der Erzählung von Liu, die auch gleich die Möglichkeit der Rückblenden pessimistischer Ansichten formuliert, wandelt sich das verwesende Schauerstück auch tatsächlich in eine morsch knarrende Jack the Ripper Inspiration mit makaber ausgeschmücktem Gimmick um.

Aus der desorientierenden, aber zwangsweise mitfühlenden Identifikation mit dem Täter, dem damit verbundenen Angriff auf die Augen und dem sinisteren, an Magen und Nieren gehenden Thema wird eine simple Profiler-Pathologie mit raffinierter Doppelbelichtung. Ein Spiegeltrick, der Linderung schafft. Aus der kurzen, aber heftigen Revolte zurück in den lieb gewonnenen und vor allem Sicherheit gebenden Stillstand. Alles halb so schlimm. Ein mechanischer Bodycountkrimi, zwischen Gruselkarneval und Geisterbahn-Kintopp, nun auch mit Dramaturgie, mit der Rückführung von der Abstraktion zur rechten Ordnung, mit der Eindeutigkeit von Gut und Böse – Li Zhengyuan wird zum aktiven Dirnenmörder, allerdings aus Gründen der Vergeltung – , Geheimgängen und einem Verschwörerplot um Geldgier. Immer noch das Spiel zwischen Dämonischem und Psychologischem, aber das Verschieben vom sexuellen Impuls auf die gewaltsamen Rituale incl. der üblichen Typologie und Symbole der stalk 'n' slash fright night sowie forschem Aktionismus. Mit der Korrektur der bisherigen Erfahrung, der aufatmenden Erleichterung von großen Gesten, sichtlich falschem, fast rosa gehaltenem Blut und ebenso unechtem Schauspiel. Statt wie bisher der Subtilität moralischer Ambivalenz zwischen den Widersprüchen der Wünsche, der Erziehung und der Entfremdung durch die Konsequenzen nicht tolerierter, nicht akzeptabler und somit strafbarer Sexualität.
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