Donnerstag, 6. September 2007

Review: Eye in the Sky [ 21/06/2007 ]

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Das Auge im Himmel soll die totale Kontrolle über den Einzelnen erschaffen, ihn aus der Menschenmenge herauspicken können und über jeden seiner Schritte Bescheid wissen. Am Besten noch im Voraus bestimmen können, was die Zielperson dann und dann mit Wem macht; ein Raster errichten, durch dessen engmaschiges Netz Niemand und schon gar kein Krimineller mehr durchschlüpfen kann. Den autoritären Präventionsstaat. Eine Hightech-Überwachungsphantasie, beizeiten vom Staat initiiert und längst zur Realität geworden.
Eine vermeintliche Sicherheit für und gegen den Bürger, die letztlich nur Illusion sein kann und auch mit jedweger technologischen Flucht nach vorn immer wieder Zufälle und andere Schwachstellen aufweisen muss.
Yau Nai-Hois Regiedebüt Eye in the Sky beschreibt im Einzelfall eine Prozedur von Observation und Paranoia. Als Film über weite Teile so stramm geschrieben und inszeniert wie eine aggressivere Manndeckung, mit wenig Risiko, manchen Errungenschaften und hier und da auch Defiziten und Widersprüchen.

Yau, der als bisheriger Autor für Milkyway Films seit 1993 für die Bücher zu den meisten Johnnie To Arbeiten verantwortlich war, kann entsprechend seiner bisherigen Dienste hierbei auch auf das sonstig vorhandene Stammpersonal zählen. Dazu gehört neben To selber als Produzent und einer souveränen Schauspielerriege bestehend aus dessem üblicherweise genutzten cast auch Yaus eigener Co-Writer Au Kin Yee; mit dem er z.b. für Running on Karma oder PTU schon zusammengearbeitet hat. Vielleicht ist es die Einheit aus altbewährten Zutaten und eingespielten Mechanismen, die dieses Erstlinsprojekt so grundsolide gestaltet. Denn einfach zu handhaben ist die permanente Anspannung und das anfängliche Gewusel für einen Novizen eher nicht; bereits in den ersten Minuten könnten zumindest Ungeübte in den Zuschauerreihen die Übersicht auf die Beteiligten verlieren. Nicht weil Yau den Einstieg nicht findet, sondern weil er analog zum Thema von Kettenreaktion, Maßarbeit, Schicksal und Glück eine etwaig verschlungene Gallerie verschieden motivierter Personen entwirft. Jede einzelne Bewegung kann etwas bedeuten, jedes Wort, jeder Blick zählt. Doch erst das Zusammenspiel von Parteien und das Wechselspiel mit dem Gegner ergibt eine klarere Wiedergabe für die Informationsgesellschaft; eine flächendeckende Illustration, die vornehmlich aus Verfolgungs- und Identifizierungstools besteht und konsequent die neuen Methoden für Geolokalisierung und Lauschangriff anwendet.

Während Sergeant Wong [ Simon Yam ] von der geheimen Surveillance Unit seine neue Mitarbeiterin Bobo [ Kate Tsui ] nach einer gepatzten Einweisung zurechtweist, überfällt der Gauner Shan [ Tony Leung Ka-fai ] nur wenige Strassen weiter mit seinen Mannen einen Juwelier. Dabei entdeckt Senior Inspector Chan [ Eddie Cheung ] vom Criminal Intelligence Bureau auf den Aufzeichnungsbändern einen der Verdächtigen: Fatman Ng Tung [ Lam Suet ], der für entsprechende Rücksicherung beim Überfall sorgen sollte und mit der Hand an der Waffe aufgenommen wurde. Die Surveillance Unit soll im durch weitere Informationen eingeschränkten Radius Fatman aufspüren und ihn zu den Hintermänner verfolgen.

Diese einzige Situation mit nur einer Angriffsrichtung lässt die Handlung zuweilen sehr eingeschränkt wirken; auch wenn sich vorgeblich die Priorität ständig ändern kann, der Wissensbedarf universell gehalten werden soll und man sich nach den Worten von Sergeant Wong nicht auf tendenziöses Interesse beschränken soll.
Was anfangs durch die überhandnehmenden Aussenaufnahmen und der realen Bezüge wie der Versuch von Doku-Noir anmuten mag, erinnert alsbald und spätestens im Nachhinein eher an eine vorbereitende Pilotfolge, die ihre Ausgangsepisode mit einer Belastungs- und Bewährungsprobe veranschlagt und sich auf diversen weiteren Standardszenen ausruht. Vom Jäger zum Gejagten. Die Wiederholung der Ausgangslage unter geänderten Umständen. Der Reifeprozess.
Mit den Genrezutaten einer herrschsüchtigen Führungskraft, eines dienstälteren, verständnisvollen, unter die Fittiche nehmenden Partners, der schiesswütigen Auseinandersetzung zwischen Räuber und Gendarm und entsprechend grossangelegten Aktionen. Gemäßigte Schauwerte mit hohem Bekanntheitsgrad.

Lange Zeit bekommt man nichts anderes zu sehen als eine allerorts stattfindende Datensammelei; nach und nach werden in einer Phalanx von Organisationen, Netzwerken und Subjekten diverse Auskünfte von Kreditkarten- oder Telefonunternehmen oder einfach nur durch das Wühlen im Müll zusammengetragen. Ein langsames Engerziehen des Flechtwerks um die Beute herum. Ein Einkreisen, dass aber nicht Aufschrecken soll. Ein hochkomplexes System von Tätigkeiten und Abhängigkeiten, dass das Eindringen in die Privats- und Intimsspähre des angepeilten Zielobjektes so unmerklich wie nur irgend möglich halten soll. Desöfters erscheinen die jeweiligen Vorgänge aufgrund der fehlenden Doppelbödigkeit dabei wie ein starrer Versuchsablauf: Die allgegenwärtige und zuweilen übereifrige Kamera skizziert einen stetig angespannten Moment, in der jede Sekunde hundertprozentige Aufmerksamkeit nach allen Seiten und auf jede Kleinigkeit herrschen muss, aber keine Wahrheit aufgedeckt oder einer Intrige nachgegangen wird. Die bespitzelten Objekte werden auch nur ihrer Erscheinung nach hin analysiert: Herkunft, Mitarbeiter, Delikte, Motiv. Das Offensichtliche der Indizien reicht ja bereits für den Einsatz von Polizei- und Schussggewalt aus. Ein wüstes Feuergefecht mitten auf dem Highway als das Resultat einer gescheiterten Ermittlung.

Yau geht es nicht um die umliegenden gesellschaftspolitischen Fragen der Ausweitung der Befugnisse von Ermittlern und Diensten, die hier sogar gegenüber den Kollegen der Polizei incognito arbeiten, in einer Scheinfirma ihre Unterkunft finden und praktisch geheimdienstlich tätig sind. Auch nicht andersrum um das Problem der Beschränkung der individuellen Freiheit, der Gefährdung der Grundrechte und der folgerichtigen Verfassungswidrigkeit. Das Skript macht seine Ereignisse nicht der öffentlichen Diskussion zugänglich, vermeidet reelle Bedeutung und seelische Tiefe und beschwört ersatzweise einen Copthriller mit verkleinerten Wahrnehmungsraum und einer frostigen Mittel-heilt-Zwecke Interpretation.

Nur in wenigen Augenblicken und dann vor allem in der Figur von Neuling Bobo als den ethisch und moralisch noch nicht distanzierten Protagonisten unterbrochen. Zweimal wird sie während ihrer stillen, bevorzugt zurückhaltenden Tätigkeit Zeuge eines parallelen Verbrechens. Während auf der einen Seite die Allmacht postuliert wird, wird sie auf der anderen Seiten in ihre Schranken gewiesen. Bobo sieht sich in ihrer unerkennbaren Präsenz größtmöglicher Ohnmacht ausgesetzt. Nur zusehen zu müssen und nicht eingreifen zu dürfen und so indirekt zum Opfer eigener Methoden zu werden. Ein Effekt inneren Versagens und äusserer Verluste, der schon in Coppolas Der Dialog herausgearbeitet wurde, hierbei aber weitgehend auf subtile Gefühle verzichtet und stattdessen gemäss dem Titel für die optimale Übertragung sorgt. Sich den sachlichen Ursache-Wirkung-Abfolgen widmet. Versucht man sich einmal an mehr Emotionen, suhlt man sich abrupt in Tragik; wo keine ist und nun erst recht keine entsteht. Auch hat beileibe nicht jede Einstellung ihre besondere Bedeutung; ein auftauchender Nebenstrang, der vorher nur ganz schleichend als Randnotiz eingeflochten wurde sorgt zwar plötzlich für Wirbel, hört aber dann schneller wieder auf als er eigentlich gekommen ist.
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