Als willkommene Abwechslung im Hongkonger Komödienstadl wurden im Juni 2007 auch zwei Thriller auf der Leinwand bereitgehalten; für das kantonesische Kino durch seine rare Anwendung eher ungewohntes Milieu, mit zumeist haltlosen Ergebnissen. Dennoch vermochte sowohl Eye in the Sky als auch der kurz vorher startende Kidnap zumindest als Ausweichprogramm zu banalen Humorangriffen immerhin weitgehend zu überzeugen. Auch wenn desöfters noch der letzte Kniff fehlt und sich die mangelnde Erfahrung im Abschluss immer wieder bemerkbar macht, bekommt man doch zwei Arbeiten geboten, die auf jeden Fall Lust auf Mehr erwecken.
Interessanterweise greift Kidnap - der zeitweilig auch unter dem Alternativtitel Chain Game kursierte -, dabei eine Idee aus eben Eye in the Sky auf. Dort ein kurzes Einsprengsel, dass für einen knappen Moment die gesamte Aufmerksamkeit von Beteiligten im Film als auch dem Zuschauer auf sich lenkt, aber dann keine weitere Relevanz in sich birgt. Hier das entscheidende Thema, der Ausgangspunkt, das Setting, die Problematik.
Die Entführung eines kleines Kindes.
Madam Ho Yuen Chung [ Rene Liu ] wird zusammen mit ihrem Partner Inspector Ho Chi [ Eddie Cheung ] vom Kidnapping des Sohnes von Business Tycoon Wang [ Gwok To ] informiert. Die Lösegeldforderung beträgt 10 Millionen HK$; die Entführerin Lam Hiu Yeung [ Karena Lam ] benötigt den Betrag für eine lebenswichtige Operation ihres kranken Ehemannes Liu Quian [ Xiao Bao ]. Als Ho nach einer Hetzjagd durch die Stadt feststellt, dass Lam und ihre Helfershelfer das falsche Kind entführt und stattdessen ihren eigenen Sohn in ihrer Gewalt haben, ist ihre berufliche Praxis noch mehr gefragt.
Einige Plotpunkte sind dabei so offensichtlich gehalten, dass man sich als Betrachter manchmal schon fragt, ob es überhaupt als Twist angelegt war, oder das Publikum doch in der konservativen Kraft der allwissenden Schiene gebannt werden sollte. Zumindest die Identität des Täters wird nie vorenthalten, sogar mit Vorgeschichte ausgeschmückt, um zusätzlich zu der formellen auch auf der emotionalen Ebene arbeiten zu können. Ausserdem kennen sich die gegensätzlichen Parteien auch im Privatleben: Madam Ho und ihr Team hatten drei Jahre zuvor weder die Geiselnahme von Lams Bruder noch dessen Tod verhindern können; ein Umstand, der aller Leben geprägt und sie auf ihre Weise in einer Art Offener Interdependenz / Korrelation für immer miteinander verbunden hat. Liebe verwandelt sich in Verantwortung, das Opfer wird zum Täter und der Fallensteller zum Gejagten einer gnadenlos tickenden Uhr.
Um das Zentrum der Freiheitsberaubung zirkulierend nutzt der Film entsprechend verschiedene Informationen und Beweggründe, um auch abseits vom technischen Überwachungs- und Ermittlungsverfahren die Konfrontationen auf dem Laufenden zu halten. Während beim eher kühlen Eye in the Sky das Mechanische, Routinierte, Abgeklärte fern jeder persönlichen Beteiligung im Raum stand, tritt hierbei häufig gerade die innere Anspannung, der Wesenswechsel und widersprüchliche Rückmeldungen zutage. Fern des sicheren Hafens eindeutiger Ideologie. Kein Schwarz und kein Weiss auf der Protagonisten- und Antagonistenseite, sondern eine gleichwohl versuchte Ambivalenz. Zuweilen weniger überzeugend als vielleicht mal geplant, aber durch gescheite Darstellerleistungen vor allem von Karena Lam und besonders Eddie Cheung trotzdem gewinnend.
Allerdings hätte man die Figur des schwerreichen Geschäftsmannes aus China im eigentlichen Visier der Kriminellen sowie die tumben nepalesischen Handlanger von Lam als auch Hos geschiedenen Ehemann Chow Siu-chi [ Julian Cheung ] sehr wohl mit ein wenig mehr Schärfe und Tiefe zeichnen können, wenn man sie denn schon in den eigentlichen Prozess involviert und auch an Ihnen das seelische Drama ausprobieren möchte. Nicht funktionieren tut der Schwerpunkt der erneuten Familienzusammenführung in Zeiten der gemeinsamen Gefahr. Die beiden geschiedenen Eheleute, von denen Er auch bereits mit Shirley [ Ella Koon ] eine neue Freundin hat, lassen nunmehr natürlich das sonstig aktuelle Thema des Sorgerechts fallen und verschwören sich zusammen gegen die Hilfe der Polizei, wobei sie auch alte Gefühle wiederentdecken. Eine blosse Behauptung, die außerhalb des Drehbuches nie richtig zum Leben erweckt wird und durch seine sterile Aufnahme mehr Schaden als Nutzen anrichtet; der egoistische Magnat und die eingeflogenen Ausländer für die Drecksarbeit sind noch schlimmere Klischees.
[Gröbster Knackpunkt der Inszenierung und beinahe tödlich für eine fesselnde Atmosphäre ist allerdings die mehrfache Untermalung durch Morricones "The Strength of the Righteous", dessen altbekannten Klänge durch Komponist Tommy Wai kaum modifiziert die Gedanken ständig auf die originale Herkunft The Untouchables ablenken.]
Zum Glück findet Regisseur Law Chi Leung [ Double Tap, Inner Senses, Koma ] noch einen Ausweg aus der groschenheftartigen Stereotypenkiste heraus in die Substanz; der handwerklichen Geschicklichkeit plus dem überlegt angezogenen Tempo sei Dank.
Mit verhältnismäßig großen Aufwand sowie einer ansprechend-hochwertigen Kameraarbeit versehen wird sich beileibe nicht auf dem Studioterrain ausgeruht, sondern emsig immer unter Zeitdruck durch die halbe Stadt begeben. Zwar muss man auf eigentliche Actionszenen gänzlich verzichten, aber darf sich im Kontrast dazu an viel Aktivität und wirksamen Außenaufnahmen mit formidabler Ausnutzung auch mal ungewohnter Schauplätze erfreuen. Jenseits des unmittelbaren Spektakels wird in eigentlich ruhig angelegten Szenen durch viel Sorgfalt anstachelnde Lebendigkeit, Mobilität, Vitalität angeregt. Eine konsequent eigene Bildersprache, bisweilen trocken wie eine scholastische Übung, aber mit Lust an der Präzision. Eine besondere Spielart der Spannungssteigerung, die mit dem Wissensvorsprung, der gleichmässig verteilten Sympathien und dem einfühlenden Miterleben arbeitet, ohne sich gleich in einen erregten Suspense zu bewegen.
Die Sekunden des etwaigen Entdecktwerdens, das Abschütteln der Verfolger und die Konflikte von Pflicht, Moral und Gewissen werden nicht in lustvoll gesteigerten oder gar überspitzt formulierten Höhepunkten geboten, sondern in für heutige Verhältnisse eher laxer Behandlung dargereicht. Potenzial, Tatkraft und Verve der jeweiligen Szenen ergeben sich statt aus den intensiven Zuständen des thrills vielmehr aus der subjektiv verknüpften Wahrnehmung mit der jeweiligen Person. Eine Motivationspsychologie, die stark davon abhängt, wie man sich in die Geschichte und die unterschiedliche Lage beider Parteien versetzen vermag und für welche Person man trotz Ärger, Schuld, Frust und Aggressivität einen Schutzmechanismus entwickelt. Gerade bei dem mehrmaligen Zusammentreffen von Inspector Ho mit seinem "Pflegefall" Lam - die er auch privat unterstützt und freundschaftlich begleitet, aber beruflich als Phantom jagt und unwissend eng auf den Fersen ist -, ergeben sich immer wieder affektive Belastungsproben, die auch fern einer psychoanalystischen Studie eine prekär-zuspitzende Lage formulieren können.
