Dienstag, 18. Dezember 2007

Review: The Detective [ 25/09/2007 ]

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Je düsterer, trüber, kälter die Jahreszeit desto interessanter die Filme; zumindest im HK Kino eine alte und auch diesjährig erneut bestätigte Binsenweisheit, die die wahren Paradestücke immer direkt nach der Herbstdepression bereithält. Zwischen den engherzigen Romantischen Komödien des Sommers und dem baldig entstehenden knall bunten, aber bärbeißigem Klamaukbonbon für das Chinesische Neujahr sind die grob als Erwachsenenmaterial eingestuften Produkte an den Start gegangen. Ebenfalls empfänglich für Klischees, dennoch mit eigener Prägung versehene Varietäten, die unter einfarbig lackierten Glanz mit dunkel geneigten Spielflächen kontrastreiche Schatten aufweisen. Johnnie Tos Mad Detective, Derek Chius Brothers, das exquisite corpse Projekt Triangle und eben auch Oxide Pangs The Detective, die im finalen Endspurt mit einer spürbaren Intensität der künstlerischen Darstellung noch all den Verlust wettmachen wollen, der in den Monaten zuvor von meist belanglosem Flickwerk bereitet wurde.

The Detective ist dabei genau das, was im unmissverständlich handfesten Titel vorbereitend angekündigt wurde: Ein Thriller mit verworrenem Kriminalplot, mit notarierten Definitionen und Maßstäben, um Aufgaben, Probleme, Rätsel und der Suche nach einer Lösung, die vom blindlings eintretenden Zuschauer begleitet und vom Detektiv geleitet wird. Ein beratschlagend Führen lassen, seinen Blicken und Worten und gar den Gedanken folgen, ohne ihn selber auf Kurskorrektur bringen zu können. Verbrechen, Induktion und Deduktion, vom Allgemeinen zum Besonderen, vom Einzelnen auf die Regel. Rationale Kriminalistik, die mit dem Gespür für die Wahrheit hinter all den widersprechenden Fakten verbunden wird und das Kartenhaus aus Lug und Betrug letztlich zusammenfallen lässt. Ein erst ahnungsloses Stochern, dass nach und nach, viele Mühen und Gefahren später zur einzig möglichen, wenn auch nicht erhofften Antwort führt.

Regisseur Pang beherrscht diese Methodik der mannigfaltigen Indizien, die Metamorphosen der Entwicklung, das Legen von Spuren und das Vortäuschen von Tatsachen, verläuft sich aber trotz formal bestechender Beschaffenheit selber in seinem finsteren Gespinst aus komplexer Personenbeziehung und der Analyse der Erzählung. Auch hat nachvollziehbare Logik und Wahrscheinlichkeit nicht mehr Bedeutung als die Zitate der Schwarzen Serie, dafür ist die Besetzung mit Talent für Charakterdarstellung gesegnet und die Prämisse mit bizarren Formen von Exotik überzeugend greifend genug:
Privatdetektiv Chan Tam [ Aaron Kwok ] wird von dem Trinkkumpan Lung [ Shing Fui On ] beauftragt, eine Frau zu finden, die ihn verfolgt und ihn töten will. Er hat zwar ein privates Photo der Dame, aber kennt ihren Namen nicht und weiß auch nicht, wo sie wohnt. Tam willigt erst bei einem großen Stapel Geld als Anreiz ein und macht sich auf die Erkundung nach der Mysteriösen, wobei ihm laufend Tote in den Schoß purzeln.

Schauplatz ist Bangkok, paradiesisches Reich des schnellen Geldes, das tropische Savannen-Klima mit bisweilen drückender Wärme zusätzlich von Korruption, Besitzgier und Illegalität erhitzt.
Tam bewegt sich selten in der lichtdurchfluteten Öffentlichkeit, arbeitet spät nachts, sucht abseits der vollen Verkehrszonen nur die ominösen Hintergassen und diesigen Behausungen auf. Immense thai pop Lässigkeit mit gleichmäßigem Rhythmus und wohl proportionierter Spannung. Nachforschung, Klinkenputzen, name-dropping, treppauf, treppab. Eine breite Schiefertafel wird mit den Ergebnissen beschrieben, mit Motiven und Zeitangaben ergänzt. Dann Fahndung, dann Hetzjagd. Die Rolle vom Verfolger zum Verfolgten dreht sich schon beizeiten, die Recherche nach der Frau führt zu Morden, die wie Selbstmorde aussehen, Unfällen die keine sind, und Personen, die entweder nicht existieren oder sich für Jemand Anderen ausgeben. Nervös gekreuzte Ketten, ein sukzessiver Blick hinter die Fassade der banalen Alltäglichkeit, ein wörtliches Wühlen im Müll, zwischen Wach und Traum, zunehmend manisch-obsessiv, halb im Wahn, halb sonnambul.

Am Ende der Möglichkeiten und kurz vor völlig hieroglyphischer Erschöpfung angelangt werden zunehmend Effektszenen rein professioneller Natur eingestreut, die die bisherige Entschleunigung in treibendes Tempo verwandeln. Vom thriller zum shocker zum actioner. Verfolungsjagden per Auto und per pedes, Kühlschränke fallen vom Himmel, Wohnungen explodieren, Tam wird niedergeknüppelt, fast überfahren, springt Brücken hinunter und wird anschließend noch beschossen.
Ein Ereignisgetümmel, das spätestens jetzt die narrative Priorität vom Objekt auf das Subjekt gelenkt hat. Der Alternativ- und Arbeitstitel lautete The Photo. Tam bekommt ein Bild der Gesuchten, er findet bei dem ersten Toten ein Handy mit weiteren Aufnahmen und auch in dem bombardierten Zimmer liegt ein Lichtbild. Noch wichtiger: Er macht selber bei jedem wichtigen Schritt seiner Unternehmungen einen Abzug, hält die Entwirklichung der Existenz fest, erstellt eine faksimilierte Collage seiner Investigation nach dem expert killer, bei der er seitens der Polizei selbst seit langem zum Verdächtigen Nummer Eins wurde.

Auch wenn man die "neue Vergrößerung, andere Zusammenhänge" Methode aus Blow Up nahezu völlig verschenkt wird: Das Spezifikum des Kriminalromans und seiner Umsetzungen sind dabei penibel genau beachtet; eine Entfaltung mit aus Tradition angesammelter Gelehrsamkeit, allerdings auch mit einer gewissen Überlänge, die vor aller Akzentsetzung und abseits jeder gültigen deduktiven Beweisführung einen Umweg zu viel und damit auch prompt manche Abstecher in die Vergessenheit einlegt. Man verliert die Kontrolle über die Vervollkommenheit des Handlungsverlaufs, schweift in die psychologische Komponente ab, deutet obskuren Humor, burleske Elemente und nützliche Katharsis an, um dann doch in die enttäuschend banalste Auflösung zu verfallen.

Ein stilistischer Missbrauch mit irrtümlicher Dosierung. Große Diagonalen mit stützenden Linien und extremer Kadrierung. Im permanent grün-weiß-schwarz gehaltenen Grundton werden so spektakulär viele optimale Druckgrafiken für die Kamera gefunden, dass man sich die Einstellungen für den entscheidenden Fixpunkt wahrlich zusammenbasteln kann. Entsprechend der antizipierenden Aquarelldramaturgie und der topographischen Marksteine sind auch der Puzzles zu viel, der Toten zu emsig, wer war nun Ming [ Chaiyapong Settagam ], wer Wing [ Wayne Lai ], wer Hung [ Kenny Wong ], wieso heisst Lung plötzlich Choi und was hat Tams Jugendfreund, der zunehmend gereizt werdende Polizist Chak [ Liu Kai Chi ] mit alldem zu schaffen ? Strammes Rohmaterial, als wenn die Inszenierung des halbseiden poetischen Abenteuers noch beim Dreh auf Inspiration wartet und selber nicht überschaut, wie die Geschichte letztlich aussehen soll und die volle Bedeutung auch niemals erkennt.
Statt Bloßlegung, Demaskieren und Entlarven dann doch nur äußerliche Fakten. Eine ungeheure Masse an Andeutungen, Tatsachen, Nebenumständen, deren Einordnung in ein logisches Muster so schwer fällt wie der Überblick eines Außenstehenden über Kapitalmarktorientierte Aktenindizes; was dann auch tatsächlich die raison d'être für all das Unheil darstellt, aber schlichtweg nicht mehr verblüfft oder wenigstens fasziniert.
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Review: Devil Fetus [ 07/09/1983 ]

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Wenn man sich das Horrorfilmarchiv der letzten Jahre, nicht nur einschließlich des Neuen Jahrtausends, sondern zurückreichend bis mindestens 1990 anschaut, könnte und muss man geradezu den Eindruck bekommen, dass die Kantonesen es diesbezüglich überhaupt nicht drauf haben. Ausnahmen nur als die bestätigende Regel, außerdem lässt sich der aufmerksame Blick auf die japanischen und später koreanischen Kollegen nicht vermeiden, deren Ansichten mehr schlecht als recht mit fast durchweg weit abträglicheren Ergebnissen übernommen wurden. Das Gruselgenre durch die materiellen Mängel, unbeholfenes Plagiieren und das formal täppische Nacheifern selber nur als Abschreckung.

Eine malade Sparte mit beständig zu registrierendem Unvermögen. Bemerkenswert ist da nur noch die Tatsache, dass dies einmal so ganz anders war. Ab der Hälfte der 70er wurde eine Dekade lang bereits das Augenmerk auf das Unheimliche und die Fundamente der Angst gelegt, sich dort sicherlich auch an anderen, damalig amerikanischen oder italienischen Vertretern orientiert, aber die Zitate und Inspirationen zusammen mit der chinesischen Mythologie zu eigenständigen Formen erhoben. Trotz oder vielleicht auch gerade wegen der Anfänge dieser ungewöhnlichen Sonderabteilung, der noch wohlgemuten Suche nach Modus und Ordnung der neu entdeckten Lexikologie und dem recht schnellen Herausbilden der Übersichtstafeln einer für das Land modernen Gattung von Film gelang die illustrative, informative, instruktive Kategorie der extreme films and video nasties nicht nur weitaus interessanter als die heutigen Ansammlungen. Sondern durch das Anzapfen von frischen Blut auch nahezu durchweg beflügelnder, ausgefallener, reizvoller und so entwaffnend offensiver.

Vorreiter der breiten Welle waren natürlich die Shaw Brothers, die auch bald ihre eigenen Spezies dafür entwickelten; Nachahmer angesichts des Erfolges vor allem auch im Auslandsmarkt flink alle Anderen, die wie ein Teenager mit erstmalig stubenfrei die lange Enthaltsamkeit und die Gunst der Stunde zum destruktiven Austoben nutzten. Lo Wei, ehemaliger Shawregisseur zahlenmäßig unübersehbarer Trash/Pulp-Fabrikate und später "Entdecker" von Jackie Chan war als Produzent im eh schon aktiven Jahr 1983 verantwortlich für einen der herberen Trittbrettfahrer: Devil Fetus, lange Zeit allein schon wegen dem effektiven Titel und dem entsprechend munkelnden Rumoren einer kleinen Klientel emsig gesucht und eifrig begehrt. Ein rares Produkt mit einer umso weiter verbreiteten Komposition aus Nachruhm, Übertreibung und Verklärung, die beim Kundigen ein sinniges Lächeln zauberte und beim Nichtinformierten für ungläubige, aber spitze Ohren sorgte, auch wenn es nur an die Aufzählung der obligaten Goregroßtaten ging.
Der Teenager und die Nekrologe sind allerdings auch anwesend:

Die Chengs sind nach einem doppelten Todesfall in der Familie umgezogen. Als die Schreine der damals Gestorbenen durch die aus Singapur angereiste Cousine Juju [ Shirley Lui ] für einen Moment verrückt werden, bricht erneutes Chaos über die Verwandtschaft herein. Das Böse breitet sich aus.

Ein rauer Schrecken, der trotz aller obskurer und später auch phantastischer werdenden Effekte durch die äußerst banale Wirklichkeit durchaus etwas schmerzdurchdrungen Realistisches an sich hat. Die gezeigte Gemeinschaft bekommt sicherlich keine immens erläuternde Charakterisierung ab, funktioniert im Kontext aber als eindimensionales Abbild des Jedermann. Die Eltern, denen die aufgezogenen Kinder langsam über den Kopf wachsen und ihre eigene Wege gehen. Der Jüngere der beiden Söhne, der noch passiv tatenlos den Liebesabenteuern des Erwachsenen Kent [ Eddie Chan ] zusehen und so immer hinter diesem zurückstehen muss, obwohl er auch auf dessen Gespielin abfährt. Der Dienstbote und Chauffeur [ Ho Pak Kwong ] der Familie, der getreu seiner Rolle immer nur dann durchs Geschehen huscht, wenn es irgendetwas zu erledigen oder Rüffel abzuholen gibt. Die noch rüstige Grossmutter [ Ou-Yang Sha Fei ], die trotz dem beizeitigen Verlust der Kontrolle weiterhin versucht, die Auflösungserscheinungen eines sich selbst vernichtenden Systems aufzuhalten.

Ähnlich wie sich die Kategorie der Filme über die verschiedenen Phasen [ Thriller, Mystik, Martial Arts Horror etc. ] in die deutlicheren Subgenres, vor allem dem Tierhorror entwickelt hat, so transformiert sich auch das Grauen im speziell vorliegenden Fall. Nicht nur, dass sich der Auslöser des Übels zwar klar definieren lässt, dann aber seine Gestalt, die Mittel und Auswirkungen stetig der jeweiligen Situation anpasst; auch die desolate Inszenierung weist dem schwarzseherischen Fortgang unterschiedliche Schwerpunkte zu und nimmt dabei ebenso abweichende Haltungen und Blickwinkel ein. Die anfängliche Unsicherheit und das seelenwunde Unwohlsein angesichts des Kommenden bereits in den ersten Minuten wird noch mit einer alles im Überblick behaltenden Draufsicht aus der Vogelperspektive beobachtet. Gleichermaßen kurzerhand wie sich die Gefahr im eh schon freudlosen Leben der Chengs ausbreitet, so detailliert eidetisch wird auf die veränderte Situation eingegangen. Die sich stetig novellierende Herangehensweise, der von Abschnitt zu Abschnitt zunehmend heterogene Ton samt eigentlich wesensfremden Einspielern [Zombies, Kannibalen, Okkultismus, Tödliches Spielzeug, Poltergeist, Spukhaus, Primatenattacken, dem Exorzismus, das Neue Fleisch u.a.] wird dennoch überraschend phantasievoll und auch schlagfertig zu einem stimmig leidenden Ganzen entwickelt. Ein disparates Experimentierfeld, dass zwar theoretisch gegensätzlich oppositionell aufgestückelt ist, aber die widersprechenden Bausteine punktweise zu einem produktiv schöpferischen, wenn auch gramgebeugten Puzzle formieren kann.

Bedanken darf man sich bei der Erschaffung einer sofort unangenehmen Atmosphäre, die nie auch nur die Illusion einer friedvollen Welt glücklicher Menschen in Eintracht erlaubt, sondern von Beginn weg keinerlei Chance oder anderweitig Optimismus und Zuversicht zulässt. Es ist nie wirklich taghell, nie richtig warm, nie heimisch, nie angenehm. Kein Poesiealbum mit Wunschträumen. Kein Hinauszögerndes Versprechen, keine ausführliche Schilderung eines harmlosen Alltags, der vielleicht von familiärer Sicherheit, dem Trost der eigenen vier Wände und dem Vertrauen des Zukunftsglaubens gespeist ist. Sondern das Eindringen des Grauens ohne weitere Vorwarnung und der fehlenden Aussicht auf Hoffnungsanker und rettender Hintertür. Ein unangekündigter Rapport im Schlafzimmer, in dem die allein gelassene Ehefrau Suk Ching [ Lo Pooi Pooi ] mit einer frisch erstandenen Jadevase masturbiert, kurz darauf Sex mit einem riesigen Schleimmonster hat und dabei von ihrem gerade von Geschäftsreise heimgekommenen Mann erwischt wird. Der zwar das unheilvolle Ziergefäß zerstört, aber dessen Gesicht von den Dämpfen der Splitter zu Pestbeulen verwandelt, die Schicht unter der Haut freigelegt wird und sich dort bereits die Maden tummeln.

Überraschendes, böses, zweifelndes, aufgrund des absurden Gewaltspektakels auch befreiendes Gelächter. Gepaart mit paradoxem Schock. Der erste, aber beileibe nicht der einzige Moment des hämisch-niederträchtig Entsetzens, dass Regisseur Lau Hung Chuen hier in seinem Regiedebüt veranstaltet; eine little less ritual and a little more terror Dramaturgie, die neben einer permanent schwachen Ausleuchtung besonders auf ein erbarmungsloses Prinzip setzt, indem Alles denkbar und Auch Alles Ausführbar ist. Kein empfindsame Pflänzchen der Emanzipation in die Splatterwelt, sondern eine ermunternd ertragreiche und gleichfalls perfide Abart aus der anregenden Dogmatik der internationalen Quellen, die mit autarken Dialekt vertont werden und deren Ableger der eigenen Veranstaltungen mit dem raschen Erfolg ebenso flink gegenseitig zu überbieten versuchen [Boxer’s Omen, Brutal Sorcery, Calamity of Snakes, Crazy Blood, Red Spell Spells Red, Seeding of a Ghost allein in dem Jahr]. Die obsessed & possessed Figuren werden in der hiesigen Spielwiese der Maskenbilder und Trickexperten von Schäferhunden angegriffen, zerquetscht, essen und speien Würmer, höhlen Eingeweide aus und goutieren die Gedärme..
Werdegang und Endprodukt einer Gesellschaft, die keine Schutzbefohlenen mehr kennt; weit vor der Einführung des Cat 3 Siegels, in dessen Auswertung man eben diese morbide, krank-kreative Grundhaltung noch einmal aufnimmt, ohne sie trotz moderner Behandlung wirklich intensivierend verstärken zu können.
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Donnerstag, 6. Dezember 2007

Review: Rape and Die [ 11/03/1983 ]

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Unerfreulich und beschwerlich, wie ein stetiger Gang in die Abgründe des Lebens hinab, dessen Tageslicht der Hoffnung man schon lange verlassen hat, man die Hand vor Augen nicht mehr sieht und sich nur noch tastend durch die wolkenverhangene Ebenen oder gleich apathisch treibend in das nächste Unglück bewegen kann. Unwirtlich von Nebel und Kälte und Schmutz umhüllt, ein Ort, an dem eigentlich kein Aufenthalt ist, wie gerodetes Ödland, vollkommen brachliegend, unzugänglich, heruntergekommen, mit keiner oder nur geringer Überlebenschance. Ein versifftes Felsengebirge inmitten klimatischer Hölle, abstoßend unschön und überflüssig, feindsam, aggressiv und gewalttätig.
Eine Lokalität muffiger Kellerlöcher, in der alle Rücksichten auf Gesundheit, Sitten und selbst den gewöhnlichsten Anstand gänzlich vernachlässigt werden: Hong Kong 1983.

Ein Jahr zuvor begannen die joint venture Verhandlungen zwischen GB und China über die Rückgabe der Sonderverwaltungszone an das Mutterland. Patrick Tams Nomad sandte in seiner Behandlung realistischer Themen mit ungeschönter Direktheit bis hin zu abschreckender Brutalität eine Schockwelle durch die Filmindustrie; weitere new wave Arbeiten, die bevorzugt eine düstere, von beklemmenden Ahnungen erfüllte Tristesse mit rapide ansteigender Gewalt aufnotierten, mussten sich der Zensur beugen. Das aktuelle Horrorgenre entströmte in schnöder Regelmäßigkeit das Gift der Woche in den Kinos, während sich die Zukunft des Territoriums schwarz färbte und erste Auswanderungswellen nach sich zog.

Die beiden Autoren-Frischlinge Cheung Kwok Kuen und Kwok Wai Bing schrieben gemeinsam ihr erstes und einziges Drehbuch, dass mit dem reißerischen, Amok laufenden Titel Rape and Die schludrig von dem unbedeutenden Lee Wing Cheung verfilmt wurde, keinerlei Aufhebens an der Kasse machte und heutzutage vielleicht noch wegen eben dieser fälschlichen Lumpenproletariat-Aufmachung und zwei bekannteren Darstellern überhaupt ein Begriff ist.
Cheung war angehender Editor, Kwok Nebendarstellerin in no name adult Werken, mit stark nachlassender und mittlerweile schon pausierender Beschäftigung. Ihr kompensierendes Skript eine überladene Abfolge von unansehnlich, unästhetisch, uneleganten Situationen in wild fuchtelndem Soapaufriß; wie eine pamphletisierende, zur bloßen Abschreckung dienende Strafpredigt vom Obersten Seelenhirten der Region. Eine Akkumulation von Qual, Sklaverei, Brutalisierung, Unflätereien, moralischer Degradation und staatlicher Unwissenheit / Müßiggang, die dem Alternativtitel Born without Hope weitaus deutlicher entsprechen als dem heischenden Marketingkonstrukt. Welches allerdings als greuliche Zusammenfassung im Satzgliedkern auch seine Berechtigung findet:

Der heranwachsende, noch minderjährige Ah-Feng [ Chow Sau Lan ] bekommt eines Morgens auf dem Weg zur Schule von einer Fremden eine Reisetasche in die Hand gedrückt; nur Sekunden später nimmt sie ihr Ah-Chiang [ Ray Lui ] wieder ab. In der Tasche sind allerdings nicht die erhofften Juwelen, die er seinem Boss bringen sollte, sondern ein Neugeborenes. In dem Verdacht, seine Auftraggeber hereingelegt zu haben sucht er Ah-Feng auf, die in der Zwischenzeit von dem Freund Hung [ Ng Man Tat ] ihrer als Prostituierte anschaffenden Mutter [ Chen Pei Hsi ] vergewaltigt wurde. Ah-Feng flüchtet zu ihrem Vater [ Lau Dan ], der sich aber lieber in Hostessenbars aufhält, um Teenager aufzureißen.

Klingt übel, ist es auch.
Ein endloses, aussichtsloses, wahnsinniges Wühlen im Dreck, Verfall, Verwesung, wie eine zerfahrene Trauerrede, die vom Todeskandidaten selber gehalten wird. Aber kein analysierendes Positionspapier über den vermeintlich realistischen Zustand von besitzloser Armutei, mit einer Hinterfragung der Konfliktpotentiale oder einem propagandistischem Impuls, viemehr eine in seiner pessimistischen Simplizität beinahe einfältig wirkende Durchhalteshow, fern von jeder Differentziertheit, jeder Komplexität, einer Aussage und auch konstruktiven Kritik hinsichtlich der Agonie von wirtschaftlicher Krise und politischer Ohnmacht. Zwar weniger exploitativ ausgestattet als es die minderwertige Verkleidung vortäuschen möchte oder vortäuschen muss, aber auch als läuterndes Drama über Sozialhorror durch seine eigenen ineffizienten, uninspirierten Unruhen wahrlich nicht erfolgreich.
Die grell geschminkte Reise durch die erbärmlich kleinen, schmutzigen, augenscheinlich nie gereinigten Wohnungen mit kläglicher Ventilation und kargem Licht, die schier erdrückende Menge an maßlosen Tragödien, die entsprechend entkräftend-ermüdende UnDramaturgie führen zu einem überlastend aufbürdenden Geschehen, dass den Zuschauer nie fordernd im Appell ansprechen oder in die Garantenstellung setzen und so in Pflicht nehmen, sondern nur spröde vertreiben mag.

Keine dynamische Interpretation, kein Ausgangselement, keine Schwerpunkte der Deutung, kein wirkliches Zentrum der folgenden Betrachtungen, nur permanente eben noch niederträchtiger, noch unappetitlicher, noch abscheulicher entwickelnde Vorkommnisse ohne Belege oder Motivation. Die bei der Kindesaussetzung scheinbar erst anfangen und sich dann überstürzt, nicht mal wirklich engagiert, eher wie aus kasteiendem Zwang die ganze Spirale über Verlassen des maroden Schulsystems, Missbrauch, unfreiwillige Schwangerschaft, versuchte illegale Abtreibung, Hurerei, Raub, Drogen, Folter, Unfall mit Fahrerflucht, erneute Angriffe, Geisteskrankheit, Mord ins hässlich feuchte Elendsgrab hinunter quälen.
Alles ist immer klar und eindeutig mies, ohne Ruhe für die genauere oder gar einfühlende Beobachtung und der Geduld für Details. Es gibt nie etwas Anderes, dass einen neuen Aspekt eröffnet.
Böse denken heißt böse machen.

Was bei anderen Regisseuren wie Tam oder weiteren zeitgleichen urbanen Vertretern der Zunft wie Nam Nai Chois Brothers from the Walled City oder Clarence Fords On the Wrong Track noch mit Feinheiten, Anspielungen von moralischem Interesse oder wenigstens der Skizze eines großen Erzählbogens mit Repulsion und Attraktion verziert. Und so die Anteilnahme nicht über die ewige Betonung der Authentizität, allerdings mit inszenatorischen Mitteln auch zuweilen von Vergnügen und Ergötzen erreicht wurde, findet man hier nur ein spannungsloses, da nach wenigen Einheiten absehbar phlegmatisches Schinden und über Gebühr Beanspruchen vor. Ein rückständiges Schockieren um des sturen Prinzips willen, in dem das Entlegenste noch ganz selbstverständlich sein soll, nach pünktlichen Minutentakt, der keinerlei Zeit zum entspannend Aufatmen oder auch mal frohlockend Hoffen gibt und auch sonst kein Zutritt zu Charakteren und Identifikation gewährt. Nie ist ein Bestreben seitens der Regie oder ihrer Figuren vorhanden, in diesem kümmerlichen Jammer so etwas wie eine ordnende Kraft herzustellen. Ein ungeschicktes, durch die alleinig repetierende Wiederholung und der bald nutzlos verhallenden Über-Drastik auch nichts sagend geschichtsloses Etwas mit degenerierenden Sog, dass zwar die Weisheit im Schmerz sucht, aber die Erhellung dieser Aspekte vollkommen außen vor lässt. Und sich mit aufgesetztem Nihilismus stetig verschlossen wie ein zugeschütteter Schwefelschacht verhält; ohne dem Zuschauer auch nur den Hauch der Chance einer Stellungsnahme zu geben.

Während Tam abstrakte Verkörperungen seiner philosophischen Reflexion auf Nietzsches "Die fröhliche Wissenschaft" mit Ironie, Sarkasmus und dem Bizarren artikulierte und sich trotz allem Aufruhr der Zeit ernsthaft bemühte, einen Sinn des Lebens zu suchen und das menschliche Potential erkunden und fördern wollte, werden hier schon grundlegende Bedingungen des zwischenmenschlichen Umgangs negiert.
Wenn die Umgebung für niedere Wesen am günstigsten gestaltet sei, folgt laut ebenfalls Nietsche daraus, dass niedere Wesen am ehesten überlebten. Er wünschte sich eine härtere Gegenwart für die menschliche Gesellschaft. Die bekommt er hier, der Ansatz unter diesem Unhold ist vielleicht ambitionierter Natur, mit einer womöglich bewusst formulierten Rohheit der szenischen Zersetzung. Aber man zeigt keine Demontage, weist keinen Prozess, keine Reife, keine Entfaltung oder Vertiefung auf und verläuft sich planlos in seinem eigenen verwilderten Notstandsrevier verkrusteter Strukturen.
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Review: Story of Kennedy Town [ 16/11/1990 ]

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Bis Heute rufsteigernd als Art umgestaltend wandelnder Nachzügler zu Bullet in the Head propagiert, dessen Prinzip der Freundschaft hierbei sicherlich ebenso vorkommt wie das Dreieck der Figurenkonstellation, hat Story of Kennedy Town weniger Anklänge an Woos persönlicher Mission zu bieten als das er vielmehr eine weitere Aufarbeitung der Marksteine des Heroic Bloodshed Genres ist. Ein erneutes, diesmal zufällig zeitlich nah und vom Ausgangspunkt her schon ähnlich gehaltenes Projekt mit Anspruch auf narrativer Ausbeutung moralischer Fundamente. Dass allerdings trotz auch überschneidender Besetzung nicht übermächtig auf seinen ja nun inoffiziellen Vorgänger schielt, mit eben diesen Vorgaben seine eigenen konsequente Wege mit diesbezüglichen Dominanten und Leitmotiven geht und sich in all der Masse selber Thematik gar noch als überdurchschnittlich eigenständig behaupten kann. Das gewählte Genre durch Überflusserscheinungen mit identischer Quintessenz und Resümee mal nicht als pure Auftragsarbeit im Abklappern des üblichen A und O, sondern durchaus mit Sinn auch für die Bedeutung von Gemeinschaft und Kameradschaft.

Dass diese Bindungen hier nicht nur behauptet werden, um darüber hinaus den Schwelbrand und Feuerstoß der traditionellen Shootouts abfackeln zu können, hebt Wu Mas 46igste Regietätigkeit in zwanzig Jahren dann auch aus den Hundertschaften seiner Artkollegen hervor; die seit jeher die gewisse Verpflichtung haben, den Forderungen und Kenntnissen des Publikums zu entsprechen und in Spitzenbelastungszeiten oft mit rein höflicher Konformität auch nur dies Mindestmaß erfüllten. Zumindest der nass forsche Blick über dem üblichen Gros darf hier gewährt sein, auch wenn man sicherlich keinerlei Favouritenlisten erklimmen wird. Dazu ist die Behandlung ohne der gutheißenden Eigenschaft von inniger Herzensangelegenheit, sinnsuchender Selbstverwirklichung oder dem Effekt eines wahren Glaubenssystems wiederum zu vertraut, zu absehbar und durch einen einleitenden Epilog auch noch zu erregungsarm hinsichtlich des Ausgangs. Denn eigentlich wird in wenigen Sekunden gleich zu Beginn nicht nur bereits das Ende vorweggenommen, sondern die Geschichte prompt vollständig erzählt:

Die drei Taugenichtse Chuang Peng [ Waise Lee ], Kao Tieng Chiang [ Mark Cheng ] und Li Shao Wei [ Aaron Kwok ] schlagen sich den 60ern mehr schlecht als recht durchs Leben, ernähren sich mühsam von Taschendiebstählen und kleineren Handlangertätigkeiten und haben es dabei noch ständig mit der zahlenmäßig weit überlegenen Gang von Brother Ying und mob loan shark Chuan [ Tai Bo ] zu tun. Als Ihnen Detective Sergeant Huang [ Wu Ma ] eines Tages aus der Patsche der Unterzahl heraus hilft, erweckt es bei den Dreien kurzzeitig eine neue Hoffnung. Den Test für die Polizeiakademie besteht aber nur Chuang Peng, der an der Seite seines neuen Partners Uncle Chua [ Bill Tung ] auch bald lernt, das Handaufhalten und Wegschauen einträglicher ist als stupider by-the-book Streifendienst.

Analog dazu ist auch die materielle Beschreibung ein Schutz- und Trutzbündnis, dass über weite Strecken durch betriebsames Zielbewusstsein statt analysierenden Monologen oder Dialogen die ganze Kraft von nüchterner Verführung mit pragmatischer Überzeugung entfaltet. Ein präzise verkürztes, ökonomisches, trotz Glamour auffallend unspektakuläres Epos mit aufwendig anmutendem Lokalkolorit in stark gesättigter, massiv eichener Brauntöne als Summe aller möglichen Farbbeziehungen. Ein schwungvoll schaffensfreudiges Vorgehen über das verblasste Ideal vergangener Jahrhunderte, dessen Ehr- und Anstandsmaßstäbe sich in der Gegenwart gewaltig verschoben haben und alte Rituale mit Neid und Missgunst füllt; mit sicherer Finanzierung von Golden Harvest / Golden Way Films gestützt und durch leicht erfassbare und tatkräftig zupackende Akteure gewürzt.

Die größte Schwachstelle, hinsichtlich der Vertrautheit, die hier nicht mal mehr das seltsame Gefühl des Déjà-vu auslösen kann, weil bereits Sämtliches an Handlung von vornherein auf dem Tisch liegt, ist dann auch gleich die Stärke der routinierten Inszenierung. Denn dadurch, dass der Regisseur auch um die bekannten Prämissen weiß und sich bewusst ist, dass er rein gar nichts mehr über dem Effekt der Überraschung erreichen kann, konzentriert er sich eben nicht auf die eventuelle, hier nicht vorhandene Kreativität des Skripts. Kontert auch nicht mit pathetischem Fatalismus und galamäßigen Reflexen, sondern bezieht sich auf die aktive Teilnahme, das Dateisein und Mitmachen des Zuschauers sowie streng bewahrter Rationalität, die bemerkenswert reibungslos und mit der Erkennung vom Besonderen im Alltäglichen her absolviert wird. Er lässt unsinnige Erläuterungen komplett fallen, kümmert sich auch nicht weiter um vorhandene Zeitsprünge und so entstandene mögliche Lücken, sondern stellt die Verbundenheit zum Geschehen im Film und zum Film allein mit einem sinnenfrohen Klang- und Aktionskontinuum her. Aussagekräftige Blickkontakte, ein musikalisch schmissiger Rahmen der legendären Rockgruppe Beyond und addierend losen merkwürdigen Tönen, ähnlich dem garstigem Fauchen eines Sousaphons, das mit einer Eisenstange malträtiert wird.

Da man sich hier strikt an einem Ort der chaotischen Großstadtanarchie festhält, keine politischen oder gesellschaftlichen Situationen durch schreitet und auch keine exakt notierte historische Chronologie abgeht, ist die Möglichkeit einer variierten und kontrapunktierten Aufgliederung des Prüfsystems der Freundschaft an mehreren wesentlichen Erprobungen mit ideologischem Hintergrund nicht möglich. Keine Erinnerungen an das furchtbare Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und auch kein Vietnamkrieg, dessen Gräuel zusammen mit der plötzlichen Goldgier als lockenden Ausweg beim Protestanten Woo letztlich doch zum Bruch der steten Gemeinsamkeit seit Kindheitstagen führen. Zwar winkt auch hier der Reichtum für den die Loyalität verratenden Aussteiger, handelt es sich aber nur um besseres Taschengeld und muss dafür auch allerhand Risiko eingegangen werden; eine gedankliche Möglichkeit, die als Zusatz in der Erzählführung dazu genutzt wird, sich nebenher ein wenig mit der Korruption innerhalb der Hongkonger Polizei und der Gründung der ICAC zu beschäftigen. [Die Schilderung bezieht sich einzig auf die polizeiliche Aufgabe der Strafvermeidung und -verfolgung, während in Bullet in the Head ausdrücklicher auf das Archiv der Repression hinsichtlich der politischen Unterdrückung / Verfolgung von Gruppen wegen ihrer Beweggründe eingegangen wird.]

Der entscheidende Grund für das Zerwürfnis ist neben den unterschiedlich entwickelnden Interessen und damit auch dem Auswandern in verschiedene Berufsschichten, die sich als cops vs robbers stichhaltig notgedrungen gegenüber stehen vor allem auch die Liebe zu einer Frau: Li [ Sharla Cheung Man ], die als primärer Beziehungsträger gleich von Mehreren im Dreieck begehrend umworben wird, das natürliche Konkurrenzdenken fördert und die Kippentscheidung zwischen rigorosen Individualismus und dem unbedingten Einstehen für den Anderen heraufbeschwört.
Völlig konträr zu Männerregisseur Woo, der wie sein Lehrmeister Chang Cheh mit idealisierten Vorstellungen davon überzeugt war, dass nicht einmal der Tod die Grenze für ein ehrlich verschweißtes Männerbündnis sein kann und keinerlei Spuren von Gefahr, Misstrauen oder Bedrohung zwischen den Blood Brothers aufkommen ließ, schon gar nicht von einer weiblichen Person ausgehend.
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Montag, 3. Dezember 2007

Review: Naraka 19 [ 02/08/2007 ]

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Lesen bildet. Das Abrufen von SMS gehört mittlerweile anscheinend dazu, anders lässt sich zumindest nicht erklären, warum sich nicht nur die Kommunikation unter Menschen zu wesentlichen Teilen auf 160 Zeichen im Display reduziert, sondern warum auch im Film und im literarischen Medium selber das mobile phone ein derart intensives Element einnimmt. Wo man früher zum Fernsprechapparat griff, um sich kundzutun oder Informationen einzuholen, wobei für das Letztere auch oft der Blick auf die Nachrichten der Flimmerkiste genügte, wird heute das kleine Tragbare in der Handlungsführung eingesetzt; was ab und zu sicherlich ein probates Mittel sein kann, schnell und wenig umständlich die Erzählung voranzubringen und sowohl dem Zuschauer als auch seiner Identifikationsfigur oder der negativen Symmetrie etwas mitzuteilen.
Auch Naraka 19, basierend auf dem chinesischen Bestseller "The 19th Level of Hell" von Cai Jun, der innerhalb von zwei Jahren über 2 Millionen Mal verkauft und zusätzlich auch übersetzt im Ausland vertrieben wurde, kommt ohne das Handy nicht aus. Hierbei ist es allerdings ein so vorherrschendes Diktum, so extensiv aufdringlich und so penetrant lästig indiskret, dass man nach einer knappen Weile am Liebsten sein Selbiges in den Bildschirm pfeffern möchte.

Neben dem unabdingbaren, schon süchtig-abhängigen Verlass auf das piepende Etwas ist es auch die wenige Imagination, die dem Film das Genick bricht; Regisseurin Carol Lai beweist zwar ihren sicheren Umgang mit dem angehobenen Budget, beherrscht die scheinbar nötigen Klischee eines rein mainstreamlastigen Vertreters und bringt auch die gängig metaphorischen Versatzsstücke ein, die die eher jüngere Klientel zu ihrem Alltag und damit der nötigen Gleichsetzung mit den handelnden Personen einlädt. Lässt aber abseits des technischen Faktors jede mögliche Flexibilität sein, schafft sich keine eigenen Freiräume, erlaubt sich nur rein äußerliche Pragmatik, Einsatz und Mobilität statt einem wahren Können von Geschmeidigkeit und Verformbarkeit. Ihr wechselhaftes Drehbuch und die zugehörige Regie, die das geschriebene Wort im Skript analog zur Kurznachricht für den Außenstehenden oft ohne Kontext, ohne eine weiterreichende Verbindung als dem Moment, ohne begriffliche Übergänge erscheinen lässt, hat ausser wenigen aufgegriffenen Ideen, die auch noch mässig modifiziert werden, fast nichts zu bieten. Aus dem Grundgedanken psychopathologischer Erscheinungen selber ließe sich etwas herausholen; aber wenn vordergründiges Potential allein die wenige Manövriermasse ist:

Die Studentin Rain [ Gillian Chung ] zieht zusammen mit ihren befreundeten Kommilitoninnen Eva [ Maggie Lee ], Mandy [ Bonnie Xian ] und Violet [ Vincy Chan ] in ein bisher leer stehenden Flur auf dem Campus ein, der eigentlich nicht für die Unterbringung der Immatrikulierten gedacht ist, diesmal aber eine Ausnahmeregelung unterlag. Bevor man richtig ausgepackt und sich eingerichtet hat, geschieht schon der erste Todesfall. Um ihren Schock zu verarbeiten lässt sich Rain von dem Universitätspsychologen Dr. Yan [ Patrick Tam ] behandeln, während sich Senior Inspector Yip [ Shaun Tam ] an die Aufklärung macht. Währenddessen bekommt Rain über ihr Handy ein mysteriöses Programm zugesandt, dass sie unweigerlich in die Hölle saugt.

Dass derlei Hokum als Death Note zum Mitmachen bei den Jugendlichen ankommt, soll so überraschend nicht sein und muss hinsichtlich seiner marktschreierischen Kompatibilität auch nicht weiter in Frage gestellt werden. Während sich die ältere Generation bei ihrer bevorzugten Genreauswahl darüber echauffiert, was nun Hommage, was Parodie und was Verhunzung des 80er Jahre old school horror sei, wird den Heranwachsenden ein weit aufreizender finanziertes Werk geboten, dass einem bestimmten Schönheitsideal verpflichtet und mit entsprechend peripheren Darstellern geschmückt ist und außer einer eventuell barbarischen Tonspur und viel Kameraaktivität wenig Möglichkeiten hat und sucht, den Schrecken, das Entsetzen und die Furcht zu porträtieren. Auch bekommt die Gattung nachträglich wieder die Unschuld verliehen; provozierende Äußerungen, wilde Spekulationen oder gar Sex und ausufernde Gewalt sind hier niemals das Problem. Die Stätte des ewigen Verderbens und die Unheimlichkeit des Raums werden ebenfalls nicht forciert.
Gehindert durch starre Grenzen, die neben der materiellen Zensur wohl möglich auch automatisch die Vorstellung beschränken, wird sich in Naraka 19 nahezu allein auf dem nunmehr schmaler und unruhiger werdenden Grat zwischen wirklicher und digitaler Bilderwelt hingegeben; eben dem des Fernsehens, des Computers und inzwischen auch des Handys.

Direkt an einem modischen Band um den Hals der Beteiligten platziert, während des ganzen Tages und gar noch im Schlaf mit der Hand des Spielers, des Opfers fest verwachsen ist es immer ortsunabhängig griffbereit, um für Rat und Tat befragt zu werden. Wenn man etwas Schauriges sieht, hört, liest, dann nur über die jeweilige Datenübertragung. Ein ständiger Begleiter, der hier nicht nur wie eine Sucht in die Naraka [ = den Ort der Qualen, das Land der Strafe im vedischen Glauben ] lockt; sondern dann wenigstens auch noch so ehrbar ist, den Teilnehmer durch die gefährlichen 18 Höllen der Finsternis mit hilfreichen Tipps, Tricks und Hinweisen zu versorgen, sozusagen Abonnement mit Kundentreuebelohnung. Ein ordnungskräftiges survival of the fittest, mit Bonifunktion und [getrimmtem] professorenhaft-sozialkritischem Unterton; in all seiner absonderlichen Drolligkeit fast Die 36 Kammern der Shaolin für die Moderne.

Eine zu bewusste Anwendung zu populärer Traumsymbolik, mit viel Binsenweisheit, einer klassizistisch geprägten Optik nur für den Schrein der Accessoires. Das Nachtreich Satans hier nicht als Mythische Tortur, als Totenreich der Verdammnis, in deren Unterwelt der Sündende unbeschreibliche Folter erleidet, sondern als designed fashion program, ein ästhetisierender Filter mit cheats, codes und trainer. Vortäuschender Betrug und Schwindel, im wahrsten Sinne reine, verflachte, gehaltlose CGI-Erfindungen und biedere Belehrungen in Moral und Religion, statt dem Orakel des Hades oder der Anatomie des Bösen, dass sich in einer Explosion aus Lust, Schmerz und Blut entlädt.
Schwatzhafte Spiellevel mit Begrüßung und Verabschiedung, mit Fingerzeig und "Vorsicht" Rufen, die das text-adventure game Geschehen im Phantastischen trotz aller Trugwahrnehmungen und Sinnestäuschungen genauso steril kennzeichnen wie den umgebenden Rahmen in der Jetztzeit. Deren Szenario zwar im breitesten widescreen klarster, auch angenehm gedämpfter Farben eingefangen, aber fast noch entvölkerter und zumindest ebenso seicht und trivial als wie im diesjährigen Haunted School ist.

Beide Arbeiten weisen abseits der Lernstätte - eine nur scheinbar stabile Oase - und dem alles verursachen Angelpunkt einer tragischen, tödlich endenden Liebe noch weitere Gemeinsamkeiten auf; hervorstechend ist besonders das eifrige, aber dennoch uninspirierte Klischeeallerlei, dass zwar mit allen möglichen visuellen Begriffen der Horror-Typologie hantiert, aber nie surrealistische Augenblicke, gotische Formen oder die Angst an sich heraufbeschwören kann. Die geschlossene Tür, die weggezogenen Flure, der tropfende Wasserhahn, die Äste des Baumes, die sich vor dem Fenster wie Greifarme nach einem strecken, die 9 dreht sich zur 6 usw.

Eine Auflösung der Realität, in der das Böse sich zum Eigenleben materialisiert und Besitz von Körper und v.a. Geist nimmt; die hier wie so oft nicht nur im HK Kino allerdings nur formal beschrieben, nie im Spektrum zwischen eindeutigem Sinneserlebnis und vorstellungsnaher Erfahrung erlebt werden kann. Auf der Narration als Kontaktmann zwischen den effektlastigen frightening set pieces wird durch steifen Dialog, sprödes Spiel und viel zu ausführlichen, aber dennoch halb gare bis hanebüchene Erklärungen soviel Wert gelegt, dass man dem Geschehen trotz Pseudo-Halluzinationen und illusionären Verkennungen keine verstörende Grundlosigkeit wie vielleicht bei Argentos Horror Infernal oder den vom Setting her ähnlich konstruierten Phenomena oder Suspiria bescheinigen kann. An dessen Verunsicherung, latenter Bedrohung, hypnotischer Verblendung, extrem polarisierender Empfindung und morbider Faszination man vielleicht auch gar nicht primär gelegen sein mag, dessen Quellen man aber häufig streift und den diesbezüglichen Vergleich auf jeden Fall nicht mal im Ansatz standgehalten werden kann.
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Review: Contract Lover [ 16/08/2007 ]

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Neben allerlei Regiedebüts waren es vor allem die dazu aufschließenden Comebacks, die das Jahr Zehn nach dem handover 1997 für den Kantonesischen Film immerhin interessant, wenn auch im Gesamtüberblick gesehen nicht wirklich gut machten. Neben der Wiederkehr von John Woo in die einstige Heimat sowie der Aussetzung der wohl freiwilligen Pause von Ringo Lam und der unfreiwilligen von Kirk Wong sowie dem nicht weiter überraschenden, da kommerziell abgesichertem Brothers - Blockbuster von Derek Chiu war es vor allem die Rückkunft von Alfred Cheung, die sich als einprägsam postulieren sollte. Cheung ist ein Kind der Achtziger, der als writer / director / producer für mehr als eine Handvoll immens erfolgreicher Komödien gesorgt und sich abseits von wahrem Kritikerpreis als garantierter Gewährsmann für die gutartig-harmlose Unterhaltung bewährt hat.

Seit 2001 nicht mehr auf dem Regiestuhl und auch anderweitig nicht wirklich tätig stellt sich seine erneute Arbeitsaufnahme eher als wiederholendes Geflecht alter Erfolgsformeln als ein über die Zeit gereifter Fortschritt dar. Cheung geht in allen Belangen so gut wie auf Nummer Sicher, überhaupt keine Gefahren durch etwaige Veränderungen in Stoff und Behandlung ein und demonstriert sein neuestes Werk als Auferweckung mit viel Kalkül statt Renaissance mit Überzeugung. Warum das Publikum bei speziell dieser Verarbeitung nicht ansprang und trotz der überaus stabilen, eigentlich doch erschütterungsfesten Prozedur erprobter Vorschriften ausnahmsweise fehlte verbleibt ein kleines Rätsel; der Gang ins Kino sollte eigentlich bedenkenfrei gehalten sein, wurde aber wohl gerade wegen der robusten, nunmehr schon übersättigt bekannten Herangehensweise auf spätere [Heimvideo]Zeiten ausgesetzt.

Sowieso ist der verschrobene Veröffentlichungstermin Ende August der einzige Faktor, der schon rein auf dem Papier merkwürdig erscheint. Zwar suchte man sich in geschickter Manier eine wenig genutzte Saison aus und war demnach fast alleine als größere Produktion am Start, stellte sich aber als Schlusslicht einer ganzen Reihe vorher lancierter, im Sachverhalt der romantischen Comedy durchaus ähnlich gehaltener Projekte heraus [ Single Blog, Wonder Women, Hooked on You, Mr. Cinema ] und spielt zudem noch zur einer Jahreszeit, die erst Monate später bevorsteht. Mehrmals wird in der Handlung das Fest zum Chinesischen Neujahr angesprochen und vorbereitend ins Bild gesetzt; quasi vergleichbar mit dem traditionellen Weihnachtsfilm, der irrrtümlich und wider besseren Wissens im Hochsommer angespielt wird und höchstwahrscheinlich dieselben verdutzten Blicke, kalten Schultern und vergleichsweise leeren Kassen herausfordert.

Als Ausgleich für das bessere Verständnis und der ansprechenden Identifikation sind immerhin die gewählten Darsteller aktuell gefragt und die Thematik grundsätzlich ohne zeitliche oder auch geographische oder kulturelle Beschränkung gültig. Die flektierende Variation eines anerkannten Präzedenzfalles mit entsprechend zum Allgemeingut gewordenen Phrasen und Charakteren, demselben wie schon seit Ewigkeiten genutzten, konstruktivistisch fundierten Vorgehen und so folglich vor unangenehmen Überraschungen gefeiten Erzählrahmen. Als Konzeption ein narrativer Versicherungsschutz, der mit "Liebe auf dem Zweiten Blick" ebenso formuliert ist wie mit "Gegensätze ziehen sich an", "Was sich neckt, das liebt sich", "Die Pfade der Liebe sind gewunden" usw. und seine Ausgangsidee als Allzweckwaffe nach allen Seiten hin ausgerichtet hat:

Fok Kai-fat [ Richie Yam ] ist Rangältester in einer Investmentgesellschaft. Er verdient das große Geld, fährt die dicksten Autos und kleidet sich wie Mann von Welt. Außerdem ist er mit der Anwältin Rachel [ Kate Tsui ] liiert, die nicht nur schlau im Kopf und mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehend ist, sondern sich rein zum Vergnügen auch noch für Pooldance interessiert und auch sonst wie keinerlei Hemmungen kennt und ihm ebenfalls freie Bahn für seine Libido gewährt. Leider kommt dies aufgeschlossen-ungezwungene Verhalten aller Wahrscheinlichkeit aber nicht gut bei Fats Eltern [ Yuen Wah, der mittlerweile zur Inge Meysel der Nation geworden ist. Und Yang Zhi-ying ] an, die ihre Schwiegertochter in spe deswegen auch noch nicht zu Gesicht bekommen haben. Als die Ausreden knapp werden engagiert das Yuppie-Pärchen die schüchterne Landmaus Joe Lau [ Fan Bingbing, durch wallende Löwenmähne wie Preity Zinta aussehend ] als Fats vermeintliche Freundin; für entsprechende Entlohnung soll sich diese bei einem mehrtägigen Antrittsbesuch so daneben wie möglich benehmen, um Platz für das geringere Übel von Rachel zu machen. Doch Erstens kommt es anders. Zweitens als man denkt ?

Die Frage lautet natürlich nicht, Ob sie sich kriegen, sondern Wie [und durch eine dramaturgische Verzögerung auch noch Wann]; dahingehend macht die Erzählführung auch gar keinen Hehl und lässt den Part der knackigen Juristin nicht nur recht klein halten, sondern benutzt sie gar nur als scharf würzenden Cameo. Nicht umsonst wurde Kate Tsuis Anteil am Projekt vorher mehr und vor allem auch eindeutiger in Szene gesetzt beworben als er sich letztlich im Film selber darstellt; mittig wird sie gar nur als phone-in verwendet. Dennoch, abseits jeder materiell apparativen Nützlichkeit und ein paar sexuellen Anspielungen, meist verbal, weniger direkt als vielmehr zweideutig verfasst: Allein ihr Augenaufschlag, ihr kesser Silberblick, das raffiniert kurzgestufte Haar, das wirr machende Dekolleté, und die feschen Hüftbewegungen der Miss Hong Kong 2004 an der Tanzstange sorgten nicht nur in der Promotion für erhöhten Blutdruck. Sondern bringen auch in der hiesig Umsetzung immer wieder das erforderliche Quentchen Pepp in die Szenerie und auch besonders den nötigen Kontrast zur erst verhuscht erscheinenden, aber hochhackig in Netzstrümpfen bald auftauenden Fan Bingbing; Absolventin von Xie Jin's Star School und Shanghai Theater Academy.

Neben den visuellen Appetithäppchen, die beim dort schlagartig hellwachen Zuschauer die Phantasien augenblicklich über Kein Sex vor der Ehe? - Treue? - Flotter Dreier, gut für die Beziehung? wechseln lassen, soll sich hauptsächlich das materielle Reflexions- und Integrationsvermögen als entscheidende Kraft erweisen. Der Gegensatz zwischen beiden so andersartigen, aber zuweilen doch genau gleich verhaltenden Frauen. Der Widerspruch zwischen dem Schauspiel des contract lovers im Film, dass sich auf Dauer so viel realistischer als das Leben erweisen soll. Das Verhältnis zwischen reflektierter und einfallender Intensität, was sich im knappen Prolog als komplette Antithese zwischen Fat und Joe kennzeichnet: Er Auto, Sie Bus. Er schnieker Anzug, Sie Omakleid. Er scheffelt die Kohle, Sie hat nach der Universität keinen richtigen Arbeitsplatz gefunden und gibt gering bezahlt Aushilfe. Reich und Arm. Alt und Jung. Nord und Süd. Metropole und Land. Moderne und Tradition.

Ein offenkundiges Ansprechen entscheidender Unterschiede bezüglich Herkunft, Stand, Bildung, Interessen, Lebensstil etc., die auf einmal aufeinander treffen und deren Subjekte sich wohl oder übel arrangieren müssen; die Reibereien und ihren Ausgang kennt man aus Green Card [ deren Grundzüge Cheung bereits in Paper Marriage vorweg genommen hat ], Das Hochzeitsbankett, Der gebuchte Mann etc., das Umfeld der seichten Fehde incl. mehrfachen Beziehungswirrwarr auch diverser Nebenfiguren spätestens aus Meine Frau, ihre Schwiegereltern und ich, aller spätestens aus Die Familie Stone – Verloben verboten! Ein phänomenologisch orientiertes Geschehen, dass sich theoretisch noch nicht einmal genauer in eine gewisse Ära / Land / anderweitig spezifiziertes Setting justieren muss, so gängig wie man sich verhält.

Dass der gewählte Schauplatz mit Foshan in der südchinesischen Provinz Guangdong trotzdem geradezu kongenial gesetzt ist, ist neben dem anmutigen Wirbeln von Hüfte, Becken und Lenden und der optischen picture perfect Präsentation noch der wichtigste Triumph: Dass in der Umgebung der traditionelle südchinesische Drachentanz, sowie die Kantonesische Oper und die Kampfsportart Kung Fu entstanden sind, wird für reichlich beliebige, obgleich nicht gänzlich unsympathische Nebenplots genutzt. Und die dort beheimatete Kunst der Gartengestaltung in chinesischer Geomantik, das organische Ganze der grüngrauen Harmonie von Wald und Wasserstraßen, das Zusammenspiel von Steinen und reich geschmückter Aleenbepflanzung allgemein und der raffinierte Einsatz von Felsformationen, kleinen Gängen, winzigen Brücken, Goldkarpfen- und Seerosenteichen speziell; all dies wird mit einer derart offensiven, dass schon arg artifiziellen Lichtgestaltung in gerechter Betonung eingefangen.
Eine Verbindung aus gefundener und erfundener Wirklichkeit, die sich nicht bloß wie ein Märchen abspielen lässt, sondern sich auch so kleidet und darüber hinaus einzig mit etabliert probaten Zutaten, recht sterilen Gefühlen, dünnem Klavierspiel und meist abgeriegeltem Humor schmückt.
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Sonntag, 25. November 2007

Review: Isle of Fantasy [ 21/12/1985 ]

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No parents. No teachers. No rules... No mercy.

Isle of Fantasy ist kein Herr der Fliegen und will es auch nie sein. Arbeitet in Grundzügen aber mit dem Urgedanken Vieler, wie es denn wäre, mal abgeschieden von der Gesellschaft auf einem verlorenen Eiland inmitten des Ozeans zu stranden, dort tun und lassen zu können was man selber will und fern jeder Aufsicht, Ordnung und Zwängen sein eigenes Leben zu bestreiten. Ein Auswandern aus der Zivilisation hinaus, direkt in das Paradies hinein, deren verlockende Exotik und Freiheit man scheinbar nur erwirbt, wenn man sich von allem Materiellen als Eckpfeiler eines jeden Systems entsagt und mit Nichts in den Händen neu anfängt. Der ultimative Aussteiger-Traum, die kindlich-schwärmerische Phantasie, die Utopie eines Luftschlosses, in dem man Vergangenheit und Gegenwart abstreifend hinter sich lässt und die Zukunft mit eigenen Händen errichtet.

Trotz einiger angeschnittener Metaphern, die selbst die hiesige adventure comedy mit allen offensichtlichen Anstrengungen zur banalsten Harmlosigkeit eben nicht vermeiden kann, ist man mehr als einen Steinwurf entfernt von jeder noch so politisch interessierten Gleichnisrede, dem Anfordern einer Dystopie, des psychologischen Terror oder einer anthropologischen Analyse. Sondern ergeht sich vielmehr in einer kulturell assimilierenden Robinsonade, die ihren einzigen Anspruch auf schäkernden Witz am Augenfälligsten schon in der veränderten Besetzung geltend macht. Hier stranden keine Gruppe heranwachsender Jungs, in der Jeder des anderen Wolf ist, oder ein gemischt rassiges, ja sogar hinsichtlich Herkunft, Nationalität, Sprache, Religion und Ethnie vermischtes Völkchen [ Lost ]. Sondern ein ganz simpler Handelsvertreter sowie eine kantonesische girl scout Einheit. Ein Mann und Sieben Frauen. Ein sichtlich biederer Mensch mit großer Klappe, ein Schmähtandler, der in seiner naiven Tugend und den einfachsten Bedürfnissen geradezu als Inbegriff des Normalen zu gelten hat. Und die liebreizend knospende Kindchenschema-Pracht von Ann Bridgewater, Loletta Lee, Fennie Yuen, May Lo, Charine Chan und Bonnie Law, die von einer älteren, rundlichen, schon leicht vertrockneten Anstandsdame [ Teresa Carpio ] als Trainerin und Erzieherin geführt und im Aufschwung ihrer Hormone kurz nach der Pubertät nur mühsam kontrolliert werden.

Dergestalt sicher auch ein Traum von Vielen, zumal die matriarchale Fähnlein Fieselschweif Truppe eben aus durchweg rosig anmutsamen Teenies besteht, die erst in Uniform, dann in sehr legerer Freizeitkleidung in Form von knappen hot pants und losem T-Shirt und schließlich auch im einteilig-fliederfarbenen Badeanzug antreten. Verständlich, dass sich Autor Raymond Wong beim Niederschreiben dieses jungfräulich erotischen Trugbildes auch selber die wichtigste Rolle gegeben und als Miteigner der produzierenden Cinema City & Films Co. auch dafür gesorgt hat, dass man trotz offensichtlicher Defizite im Spiel nicht nur seine Idee verwirklicht, sondern ihn auch direkt in ihr beteiligt. Sein Cannon Wong ist der Glückliche, der nach einem Flugzeugabsturz als Einziger mit hemizygotem Erbgang auf dem idyllisch-lauschigen Atoll landen und sich dort mit einer erstmal argwöhnisch feindlichen Jugendgruppe anfreunden darf. Die zwar durch weise Voraussicht und weiblicher Natur mit Ordnungssinn weit besser auf den castaway Notfall vorbereitet sind, aber vor aller Disziplin, Pflicht und Baumpflanzaktionen scheinbar noch Niemand mit Y-Chromosom in ihrem Leben gesehen haben und nun lernen müssen, auch dies Phänomen als Bereicherung und nicht als Bedrohung der eigenen Existenz wahrzunehmen.

Die unvermeidlichen Konflikte, die Furcht vor dem Feind, der Weg zum Toleranzprinzip mit einer für Alle akzeptablen Lösung und der sodann freie [Gedanken]Austausch nehmen den ersten Teil des flachen Lustspiels mit abgedroschenen Liedeinlagen ein. Nachdem der obligate systemumwälzende Geschlechterkrieg und damit die Altherrenphantasie mit inneren Hemmschranken vorbei ist, tritt die erste gemeinsame Prüfung und damit der schwerwiegende Kampf an. Denn die mit der Flucht ins Nirgendwo so schändlich hintergangene Allgemeinheit, deren Autorität man nunmehr ablehnt beziehungsweise gegen dessen autoritäre Normen man sich gewendet hat, streckt ihre neidischen Greifarme aus und schickt Abkömmlinge auf die karibische Oase des Friedens: Ein Gesindel Drogenschmuggler, die als moderne Seeräuber in der Blauen Lagune ihr Opium anpflanzen.

Also erst Organisationssoziologie, dann Interaktion, bindende Wirkung von Sozialintegration und schließlich "Männerjagd" von existentieller Bedeutung; eingerahmt durch einen entnervenden Gute-Laune-Pakt einfältigster Gags. Abgesehen von der plagenden Humorrate mit äußerst niedriger Trefferquote kann man mit dem dreigliedrigem Schwerpunkt der Erzählführung + finalem hell in the pacific Showdown durchaus auskommen. Zumal vom geographischen Setting, dem Ansprechen kompletter Gegensätze zur Urbanität und dem Weglassen der Hinterlassenschaft von Kummer, Nöte und Sorgen genügend Identifikation für die zivilisationsmüden Großstädter vorhanden ist. Die begrünte Insel mit zwei Bergen, das klar schimmernd blaue Meer, die blühende Flora und Fauna, die man sonst nur im "Delikatessen aus aller Welt" Spezialitäten Versand beziehen kann, der strahlend Himmel, die saubere Luft. Sonne statt Schatten und Wärme statt Kälte.

Im Fixpunkt die jungen, sommerlich fidelen, unbeschwert übersprudelnden Menschen, die Tag und Nacht ohne Blick auf Uhr und Kalender verbringen und keine Rechnungen, Mahnungen und unliebsame Terminaufforderungen auf dem Tisch bekommen. Es geht nicht ums Überleben oder die Verzweiflung wie sonst im Abenteuergenre, sondern um das Ablegen von falschen Vorurteilen und das Ausleben von Spaß, Wein, Weib, Gesang, barockem Kostümball und Grillabend. All dies als vervollkommnter Gegensatz zur grauen Alltagswelt, die im Prolog nicht umsonst mit einem kriminellen Delikt im beengten Hochhaus eingeführt wird. Dort ein schon zur Gewohnheit gewordener Raubüberfall unter Leuten, wo Einer dem Anderen im pseudodemokratischen Staat nicht die Butter aufs Brot gönnt. Hier ein schwesterlich vereintes Teilen, ein Geben und Nehmen, gemeinsam Sähen, gemeinsam Ernten, gemeinsam Konsumieren. Natürlich gibt es auch unter freiem Himmel kurzzeitig Streit – Himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Das Erwachsenwerden bringt so manche Nöte mit sich - , wobei Vergnügen, Verlangen und die Liebe die Verursacher sind, sich das aber alsbald in frohgestimmt, leichtherzig, pflichtvergessen Wohlgefallen auflöst. Da es auf der Fantasy Island mit eigens ländlicher Freizeitindustrie ja noch weitere Dinge außer dem anderen Geschlecht zu entdecken gibt.

Neben den erst am Ende auftauchenden Bösewichten in Stirnband und Hawaiihemd sind dies ein gefräßiges [Gummi]Krokodil, eine fleischfressende Pflanze, ein Riesengorilla mit besonderem Interesse für Playboy und Spitzenunterwäsche; selbstredend ebenfalls alles Synonyme für das chauvinistische Mannsbild. Und der uralte Einsiedler Duncan Tang [ Tang Kei Chan mit ergrauter Indianerperücke ]. Der zwar einen Schießprügel aus dem Zweiten Weltkrieg hat, diese Antiquität aber nicht mehr funktioniert und er nicht nur deswegen keine Gefahr mehr darstellt. Wenn selbst der Phallusersatz nur eine Attrappe ist, müssen sich stattdessen die Mädels getreu der Anerkennung weiblicher Dominanz durch physische Gewalt in waffenstarrende Amazonen verwandeln. Wenigstens lässt Regisseur Michael Mak - immerhin Macher der crunch encounter Long Arm of the Law 2-4, The Shootout, Train Robbers, Island of Greed -, am Ende die Puppen tanzen und setzt bisherige theoretische Überlegungen über Strategie und Taktik in die Praxis um, auch wenn dies statt erhofftem Blutrausch nur Wasserfallen, Kokosnussbömbchen, Plastikfelsen, Stolperdraht und Pfeil und Bogen beinhaltet.
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