Mittwoch, 19. September 2007

Review: The Big Brother [ 01/10/1987 ]

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Von der Besetzung, dem Zeitrahmen, dem Titel und allgemein dem äußeren Anschein nach sieht es wie ein weiterer der damals in Myriaden auf den sicheren Absatzmarkt geworfenen Heroic Bloodshed Werke aus. Nach A Better Tomorrow, der auch dem hiesigen Filmemacher Tommy Faan und seinem Co-Writer Tony Leung Hung-wah unzweideutig ein Begriff ist, erschienen reihenweise die Inspirationen, Modifikationen oder Plagiate; nach einem beizeitigen Sättigungspunkt greift der geneigte Zuschauer heutzutage schon wieder sehr gerne zu einem der damaligen Vertreter. Mit The Big Brother wird er allerdings einen Fehlkauf machen, wenn er fälschlicherweise seine Berechnung allein auf diesen Zweck des Sehvergnügens ausrichtet und nur auf die impulsive Befriedigung der Zuversicht getrimmt ist.

Statt einem Shootout-Spektakel unter Triadengangstern bekommt man das Apogäum: Eine Slapstick - Komödie über den Sklavenhändler Richard Kar Ho-tsuen [ Simon Yam ], der seine Mädchen wie Randy [ Emily Chu ] erst auf massiven Junggesellenparties verschenkt, sie dann zurück entführt und so lange im Verlies hält, bis er sie in den Mittleren Osten verschifft.
Mit einem Cop namens Willie [ Miu Kiu Wai ], der als Pantoffelheld geboren wurde und mehr Angst vor seiner eigenen Frau hat, die ihm zudem noch ohne Skrupel Hörner aufsetzt. Und dem Drehbuchautoren Stephen See [ Alex Man ], der sich den Kato - Verschnitt Ah Wai [ Jimmy Au ] als Diener hält und wie weiland in Inspektor Clouseau - Ein Schuß im Dunkeln auch von diesem auflauern und angreifen lässt.

Vor allem diese deklarative Mixtur, anfangs noch uneinnehmbar wie eine Matroschka in mehreren Ausführungen, verhilft der eher missachteten Golden Harvest Produktion dann auch zu seinem spendablen Unterhaltungswert; auch wenn man mit diesem Ausflug zuweilen schon arg an die Grenzen der harmlosen Belustigung gelangt. Zu Beginn in alle möglichen Richtungen pendelnd und mit mehreren etwaigen Prämissen und Modalitäten ausstaffiert, die niemals den eigentlichen Inhalt der Handlung durch den Anfang der Handlung selbst anzukündigen versuchen, spielt man in geschickter Weise mit den Mutmaßungen und Vorstellungen des Zuschauers.
Lange kann man sich überhaupt nicht sicher sein, worum es nun eigentlich geht und was die lose Szenenreihung mit viel Aufweichung, Ausschweifung und beständiger Erneuerung letztlich mal bezwecken soll. Ein dubioses, paradoxes, wildfremdes Blendwerk, dass moralische Prinzipien längst über Bord geworfen hat, auch wenn es am Ende die Liebe und die Ehe gleich mit hochhält.

Ohne Hand und Fuss, ohne Sinn und Verstand, ohne Rücksicht auf die äußerlichen Umstände rollt sich die erste halbe Stunde über die Leinwand aus, so unbekümmert und ungebunden, dass jegliche Bedenken angesichts der Holprigkeiten wachsweich dahinschmelzen. Objektives Nachvollziehen war seit jeher nicht die Stärke der kantonesischen Kinematographie gewesen. Der beizeiten getrübte Erwartungshorizont wird durch materiellen Extremismus und auf exzentrische Art modulüberschreitende Behandlung stetig weiter verschoben, um erst irgendwann kurz vor Ende nachhaltig aufzuklaren. Zu einem Zeitpunkt, indem man mindestens drei verschiedene Filme gesichtet hat, sich aber durch diese geringfügigen Verstimmungen nicht von dem erforschenden Streifzug durch die Genres hat stören lassen. Die Harmonie des Ganzen, der programmatische Zusammenhang, sogar das Konsonanzempfinden bleiben noch zusätzlich zum stechenden Reisefieber dieser Wanderschaft erhalten. Alles eine Frage der Gewöhnung an plötzliche abwechselnde Affekte und Übergänge in andere Töne.

Aufgefüllt wird die inhaltliche Leere des screwball-plots mit viel Allotria, was sich dehnbar um jedwede Unreinheiten und Fremdkörper anschmiegt und sein Heil in der Flucht in die Absurdität des Schabernacks sucht. Simple, aber trotzdem zündende Witze um die Schwierigkeiten, eine Tür zu öffnen, den falschen Dresscode, Sprachübungen und Leseschwächen, unverblümter sexuelle Pikantere, Schlüpfrigkeit und geschmackloser Obszönität, Verwechslungen, Fehldeutungen, Missverständnisse, Irrtümer, die obligaten Parodien. Sowie eine turbulente Abendgesellschaft feierlustiger Singlemänner, die sich mit Wein, Weib und Gesang vergnügen und einmal von der Etikette losgelöst analog zum Film wie kleine Kinder durch den Raum tollen, um gleichwohl die nötige Abwechslung und höchste Lebhaftigkeit empfinden zu lassen und sich und andere zur Fröhlichkeit zu ermuntern.

Rapide um jeglichen Verdacht und Vermutung herum geschrieben, ist allerdings nur eine Sache. Gut inszeniert, möglicherweise noch mitreißend trotz der Inkompatibilitäten und offensichtlichen Fehlanreizen die andere; vor allem dann, wenn dieses Merkmal brach fällt und sich vielmehr als recht unergiebige, trockene, denaturierte, wenig um Disziplin und Klarheit der Darstellung bemühte Aufführung charakterisieren lässt. Denn spätestens wenn der Schleier der tarnenden Verhüllung ab ist, ist auch gleich der Lack von der Oberfläche gesplittert. Der Placebo-Effekt wird deutlich. Wirksam ohne Wirkstoff, aber nur solange, wie man über die Wahrheit im Unklaren gehalten wird. Die Spannung ergibt sich schlichtweg nur aus dem nächsten Effekt, der erneuten Fragestellung, was eigentlich vor sich geht, wer was warum macht, wohin dies alles führen soll.

Doch einmal enthüllt auf die letztlich bloß konventionelle Dramaturgie von Gut gegen Böse kommen die bisher verborgenen Regie- und Schauspielschwächen umso transparenter zum Vorschein. Wenn man endlich zum Kern der Sache vorstürmt, wandelt man sich vom Triumph zur Stagnation, vom Profit zum Verlust. Auffallende Konsequenzen dieser Entflechtungsaktion sind, dass sämtliche maskuline Rollen nur dem Namen nach von Herrschaften des starken Geschlechts verkörpert werden und eigentlich alle Anwesenden weniger die Hosen anhaben, als ziemliche Waschlappen darstellen. Der Schreiberling stilecht mit Brille kostümiert sowieso, aber der Cop unter der Fuchtel seiner Mamsel auch und der Diener / Leibwächter noch dazu. Sogar bad guy Simon Yam hat mehr mit seiner überfordernden Haartolle und dem viel zu großen Sakko zu kämpfen als das er echte Bedrohung entströmen kann; seine henchmen Ma Chao und Robin Shou halten auch eher als Witzfiguren statt als virulente Gegner her. Ein Manko, dass sich unweigerlich auch auf die eher raren Actionszenen auswirkt und deswegen selbst im Final-Drittel keine autarke Eigendynamik entwickeln kann, um das Erlahmen der Aufmerksamkeit und das Gefühl der Abmattung zu verhindern. Zu leichthin und liederlich die kurzen Martial Arts Anwandlungen, trotz manch gescheiter Stuntfertigung zu wenig Druck und Drang, mehr Hektik als Dominanz.
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Donnerstag, 13. September 2007

Review: The Matrimony [ 17/05/2007 ]

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Eine kleine, letztlich fast banale Geschichte, mit überschaubarer Personenkonstellation, eingeschränkter Landschafts- und Architektureinheit und wenig Interaktion mit der Außenwelt. Mit Verständnis für die poetische Phantasie, zuweilen visuell unerschöpflicher Dichtkunst, romantischer Verklärung. Und einer empfindsamen, ein wenig steifen Gangart, die selbst die Veränderung des Ausdrucks nur wie beiläufig festhält, obwohl man auf präzise Bilder nicht verzichtet.

Regisseur Teng Hua-Tao erzählt nach druckvollem Beginn von den Grübeleien über das Leben, die Liebe und den Tod, die zeitlose Ewigkeit, über das Für Immer, dass ausnahmsweise tatsächlich das gelten soll, was es in der Bedeutung beinhaltet. Über Gefühle, die keine gewisse, sondern eine unbestimmte Zeitspanne anhalten, fortwährend, immer während gelten. Über abgestorbene Leidenschaft, verblühte Freude, unbedingter Besitzwillen, Eifersucht, Neid, Missgunst, Rivalität.
Über eine als Schrein empor gehobene Vergangenheit, die jegliches Empfinden in der Gegenwart blockiert. Über Egoismus, der das Glück des Menschen verhindert, den man eigentlich für am Wichtigsten bezeichnet. Und über Ereignisse, die immateriell, jenseitig, metaphysisch, spirituell, transzendent sind. Eine Verführung aus dem Reich der Toten. Eine Wiederbelebung erloschener Emotionen durch die Reinkarnation.

Shanghai in den 30ern des letzten Jahrhunderts.
Filmemacher Shen Junchu [ Leon Lai ] verliert kurz vor der Hochzeit seine Verlobte Manli [ Fan Bingbing ], eine Radiomoderatorin mit eigener Sendung, bei einem verhängnisvollen Autounfall. Ein Jahr danach ist er zwar mit der Schneiderin Sansan [ Rene Liu ] neu verheiratet, aber nur auf Druck seiner Mutter [ Zheng Yuzhi ], die ihm zudem vorgeschwindelt hat, dass sie schwer krank sei und eine Schwiegertochter ihr größter Wunsch wäre. Doch Junchu liebt nur Manli und hat keine Augen für Sansan, die während seiner häufigen Abwesenheit allerdings eine ganz andere Entdeckung macht.

Eine große Ruhe, Kälte, Apathie, die ohne Sprache funktioniert und statt einer gemütlichen Beschaulichkeit eher einen unsteten Dämmerschlaf bereithält, der bei Anwesenheit von Junchu noch an Teilnahmslosigkeit gewinnt. Sansan ist verliebt in ihn, nicht nur seit diesem Jahr, sondern schon viel länger. Er kann sich an den ersten Treff gar nicht erinnern, obwohl er ihr gegenüber da überdies noch viel aufmerksamer und zuvorkommender war als jetzt in der Beziehung. Das Mysterium einer Zusammenkunft in einer unglücklichen Bewegungslosigkeit fern von anderen Einflüssen macht den zaghaften Teil des Filmes aus. Umkreist von objektivem Prolog und Epilog, eingerahmt von einem Vorspann, der bereits die ersten Schocks andeutet und einem Einstieg, der gleich mehrere in rascher Folge bereithält. Ergänzt mit hochviskosen Rückblenden, die konzeptionell das Wissen des Betrachters erweitern.

Ob er stärker als das Schicksal sei, wurde Junchu mehrmals von Manli gefragt. Mittlerweile nimmt sie es selber in die Hand. Möchte ihre Zuneigung unsterblich machen. Auch über ihre Tragödie hinaus lässt sie nicht von ihrem versprochenen Mann ab und begleitet ihn auf Schritt und Tritt, ohne registriert oder ihm gar nah sein zu können. Will sie ihn berühren, schadet das seiner Gesundheit sogar; jegliche Verbindung zwischen den Beiden ist entweder einseitig oder gleich ganz schädlich. Die Erinnerung an einstmals bessere Zeiten geht für Junchu einher mit dem Konservieren von Stimme und Bildern seiner Verflossenen; auch besitzt er einen Rückzugsort, den er nur mit ihren Möbeln ausgestattet hat und zu dem er keinem Anderen Zutritt erlaubt.
Er hat sich seelisch und geographisch von der Gesellschaft abgeschottet: Während er vorher durch Shanghai flankierte und bei der Ausübung seines Berufes tagtäglich neue Menschen kennen lernte, verbringt er seine Freizeit nunmehr als passiver Zuschauer im Kino. Die Wohnstätte selber wurde in ein riesiges Anwesen abgelegen in einem Wald mit angrenzendem See verlegt. Als Einrichtung viel zu groß für drei Personen, wobei er Sansan und ihre Tante Rong Ma [ Xu Songzi ] eh die meiste Zeit allein lässt.

Die Unsicherheit in diesem riesigen, dunklen, rustikalen Haus, das Knarren der Massivholzpaneele, die verschlossenen Türen, die unsichtbaren Stimmen und die Geräusche der unter dem Dachboden einlogierenden Fledermäuse machen in der Nutzung dieser Standardversatzstücke die idealtypische Atmosphäre aus. Eine Zwischenzone mit konkreter Absonderlichkeit, allgemeiner Gleichnishaftigkeit und lancierter Einbildungskraft, die keine Sogwirkung oder eine befremdende Zweideutigkeit einbringen, aber zumindest die Phantasie anregen und vor allem auch das Auge erfreuen kann. Mirakulös statt schmerzlich elegisch und tranceartig faszinierend statt radikal beklemmend.

Hinter all dem schönen Schein der liebevoll restaurierten Dekorationen, der kompletten Erstellung ganzer Straßenzüge, der detaillierten Zier von Manlis Pharaphernalien - [ die jetzt neben der Mitgift auch die Wortbedeutung "Grabbeigaben" erfüllen ] - versteckt sich ein vorsichtiger Horrorfilm, ein psychologisch angehauchter Thriller und ein Liebesdrama. Die sich in hypnotischer Langsamkeit jeweils viel Raum zum Atmen und Entfalten geben und so gemeinsam in Richtung behutsames Schauermärchen wenden. Ohne die allgemeine Rationalität zu zerstören wird der Auftritt des nunmehr Zwischenwesens Manlis erst effektvoll mit theaterhaften Schreckeinlagen, aufgerissenen Augen und prompter Ohnmacht zelebriert, um dann die beginnende Konversation zwischen ihr und der neuen Frau geradezu logikbasiert zweckgebunden zu halten: Die Eine gibt der Anderen Hinweise, was Junchu gerne mag, was er am liebsten isst und trinkt und wie man ihn für sich gewinnen kann. Im Gegenzug dafür möchte sie für einige Momente den lebenden Körper übernehmen, ihn besitzen und so auch wahre Nähe bis zur Tuchfühlung mit ihm eingehen.
Ein Pakt, der nur so lange funktionieren kann, wie beide miteinander statt gegeneinander arbeiten und Keiner seine Liebe / Abhängigkeit / Besessenheit über die des Anderen stellt.

Zwischen Mythos und Aufklärung, zwischen einem Niemandsland und der bevölkerten Alltäglichkeit und zwischen Gewinn und Verlust strukturiert, verzichtet die Inszenierung löblicherweise auf zu viel Technizismus und der marktschreierischen Methodik des neuen Horrors, der keine Imagination mehr zulässt, sondern alles in jeder Genauigkeit bebildern muss. Altmodisch, sicher auch etwas hausbacken und mit recht blässlichen Schauspielleistungen zwischen Kunst und Schund wird eine Welt porträtiert, die noch in blühender Naivität an das Unschuldige, das Gute und Reine im Gegenüber glaubt. Und dann umso schneller erfahren muss, dass diese moralisch-ethischen Grundsätze nicht für Alles und Jeden gelten. Der Nachhall des ersten Entsetzens verändert sich zu einer nekrophilen Phantasie, der Resonanz beinahe gothischen Grauens und alsbald auch der Renaissance asiatischer Geistermystik.
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Sonntag, 9. September 2007

Review: Simply Actors [ 19/06/07 ]

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Er soll doch mal nicht so stark aufdrücken, nicht so übertreiben, schallt es dem angehenden Akteur Chan Man-long [ Jim Chim ] bei seinen Schauspielproben entgehen. Zurücknehmen, nicht mit allen Geschichtsmuskeln chargieren, den Gliedmaßen wild gestikulieren und effekthaschend in die Runde schauen, sondern sich wie ein ganz normaler Mensch verhalten. Doch das Problem ist nicht, dass Chan sich nicht beherrschen kann, sondern dass die Realität von ihm verlangt, sich zu verstellen.
Die Wirklichkeit sind in dem Fall die Regisseure Patrick Leung Pak-Kin und Chan Hing-Kar, die ihre grössten Erfolge strikt als Team absolvieren und sich bisher mit BHs [ La Brassiere ], Babies [ Mighty Baby ] und Impotenz [ Good Times, Bed Times ] bemüht haben, ihrem reichlich zahlenden Publikum auch ein paar Lacher abzugewinnen.

Ihr neuester Coup, wieder eine Komödie, geht einen etwas anderen Weg, der sich mal nicht primär mit dem Kulturcrash zwischen Mann und Frau und den Auswirkungen der Libido befasst, ansonsten aber die Methodik selber durchaus beibehält; vor allem die Denk- und Arbeitsweise dahinter ändert sich wohl nicht mehr und wird höchstwahrscheinlich auch in der bereits beschlossenen Fortsetzung vorzufinden sein. Die bisherigen Werke waren alles buntscheckige, knallpoppige, von A-Z unwirkliche Beziehungsmärchen, die zwar vorgeblich im Hier und Heute gesetzt sind, sich aber lieber in einer bagatellisierten Enklave aufhalten. Selbst beim Ansprechen von sexuellen Themen kann man die Biederkeit nicht verbergen und statt richtigen Gefühlen wird immer nur der billige Scherz plus die harmlose Ehrsamkeit im Auge behalten.

Meistens fand direkt im Anschluss an einigen Neckereien näher der Gürtellinie immer die Wandlung zum braven, rechtschaffenen Mann, am besten noch Familienvater statt; das Einzige, was man wirklich aus ihren brav verkleinerten Fiktionen mit nach Hause nahm, war die aufgestaute Lust auf Tabubrüche und dem Drang nach etwas Handfestem. Bei der Frage "Nahrhafte Küche oder anspruchsloser Einheitsbrei" wurde sich von Seiten Leung und Chan immer für das Zweitere entschieden; zusätzlich dazu ist Simply Actors eine Arbeit, die außerhalb der Landesgrenzen keiner kennen, geschweige denn wahrhaftig schauen wird. Quasi ein großes Fragezeichen, ein unbeschriebenes Blatt.

Auch der Hauptdarsteller Jim Chim, der ganz angestrengt die Identifikationsfigur des Chan Man-long zu mimen hat, wird hierzulande keine Assoziationen auslösen. Und alle Diejenigen, die ihn doch in Aktion betrachten, werden unweigerlich attestieren müssen, dass er doch mal etwas subtiler agieren, nicht so stark aufbauschen oder gar ausweitend dramatisieren soll. Zumal es nur zum ersten Teil der Handlung passt und in allen anderen Aspekten schlichtweg fehlgeleitet ist:

Chan Man-long ist eigentlich Polizist, nimmt allerdings nur geringfügige Verbrechen zu Protokoll und ärgert ansonsten seine Kollegen damit, dass er Aufgaben verhaut und sie mit dem ungebändigten Drang der Improvisation behindert. Als mehrere Undercovercops vom Drogenhändler Crazy Sam [ Chapman To ] enttarnt und getötet werden, wird Chan von seinem Vorgesetzten Officer Lin [ Hui Siu-hung ] in die örtliche Schauspielschule geschickt, um für späteres Training einige Tricks der Verstellung und Simulation anzuschauen. Während der Lehre bei Mr. Kam [ Eric Tsang ], Professor Mong [ Lawrence Cheng ] und Co. lernt Chan auch die Softporno-Actrice Dani Dan [ Charlene Choi ] kennen, die in ihm prompt Begehr auslöst. Doch da gibt es noch seine langjährige Freundin Judy [ Michelle Ye ], die schuleigene Konkurrenz Alex [ Raymond Wong ] und den eigentlichen Auftrag, der langsam aber sicher an gefährlicher Relevanz gewinnt.

Während man anfangs wegen einiger gekonnter Einfälle noch applaudieren darf, sehnt man sich dann doch beizeiten nach dem Vorhang des Ganzen; oder zumindest nach einer anderen Interpretation. Die Geschichte beruft sich natürlich auf den Infernal Affairs Plot. Sogar mit namentlicher Erwähnung, einem Cameo von Autor und [der besseren] Regiehälfte Alan Mak in Personalunion und einiger Nachstellungen, die nicht nur für Wiedererkennungswert, sondern auch konzeptuelle Hommage und löblicherweise auch manche treffende Lacher sorgen. Sehr schön, dass man die mittlerweile wegen Häufung derartiger Abhandlungen zum Klischee gewordenen Standards auf den Arm nimmt; auch lässt sich in den raren Parodien der Respekt für die Originale und ihre Tradition erkennen. Da ist es nur folgerichtig, dass man in Neben-, Kleinstrollen und Cameos die halbe Schausstellergilde Hongkongs auffährt [ Anthony Wong, Ann Hui, Fruit Chan, Sandra Ng, Vincent Kok, Wilson Yip, Lam Suet etc. ] und auch sichtlich stolz damit hantiert.

Trefflich auch die Vereinigung von possenhaft geschriebener Biographie und existenzieller Befindlichkeit: Jim Chim ist im wahren Leben abseits der entnervenden Filmauftritte eigentlich Associate Artistic Director of Theatre Ensemble, der erfolgreich Theaterpädagogik praktiziert und das pleasure in play Prinzip formuliert. Hier also praktisch in anderer Funktion zu den Wurzeln seiner preisgekrönten Wirkstätte zurückkehrt und so erweiterte Ehrerbietung erstattet.

Abseits dieser wenigen Kongruenten sieht man sich allerdings enttäuscht, wenn man darauf gehofft hat, eine angeregte Überlappung von Legende, Kunst, Wahrnehmung und Wirklichkeit vorzufinden. In einer erdichteten Luftschloss-Welt zwischen den Fakten realer Situationen, den Projektionen von Drehbuch und Inszenierung und dem Idealbild imitierter Tatsachlichkeit zu bewegen. Weder wird eine Unsicherheit bezüglich von Vertrautem und Unerwartetem bewusst noch eine Parallelität von Ausgedachtem und Wahren bekannt gegeben. Keine glaubhaften Situationen, keine Menschen aus Fleisch und Blut, keine Dialoge, die vom Leben sprechen und sich eben nicht nach raschelndem Papier anhören. Und vor allem der Mittelteil, der sich im Besuch der Drama acting school niederschlägt, birgt so viele unentdeckte Inspiration in sich, dass es sehr schade ist, dies bloss in einer beliebigen Abfolge zusammenhangloser Sketche widerspiegeln zu sehen.
Oder gar in der baldigen Moralapostelei, die sich in einer zwiespältigen Bigotterie nicht zu schäbig ist, lüsterne Blicke an das Sexobjekt Dani Dan und ihren Arbeitsplatz des Pornodrehs zu verstreuen, um danach prompt mit dem erhobenen Zeigefinger und der Betroffenheitsstory vom armen, verstoßenen Bauernmädchen zu kommen.

Der Film zeigt nur das medial Vorstellbare, die Halluzination der Materie, die Fata Morgana. Fern von Ausgrenzungen, Enttabuisierungen oder Vereinnahmungen wird sich eng im Rahmen einer anlaufenden Liebesbeziehung sowie der fortschreitenden Selbsterkenntnis bewegt. Chan, der schon ewig von einem anderen Leben träumte, bekommt nun endlich den Weg zur Erfüllung gewiesen. Sein bisheriges Berufs- und Privatleben war immer ein Ort der Sitten, der Befehle und der Pflichten, während er an der Schule nicht nur unter Seinesgleich Denkenden sein, sondern sich auch künstlerisch und damit ungezwungen austoben kann. Der Tagesablauf nunmehr lebhafter Zeitvertreib, der nicht unmittelbar dem gesellschaftlichen Nutzen entspricht, sondern seine nahezu kindliche Kreativität fragt.

Daraus ergeben sich auch die humoristischen Progressionen, die folglich zuhauf damit arbeiten, dass er mit seinem ungezwungenen Verhalten aus der Reihe der Normalität tanzt und entsprechend unwillkürlich in Konflikt mit der Außenwelt gerät. Er steht mit seinem eigenen fantasievollen Programm voll physischen Exhibitionismus und Naturburschentum gedanklich abstrahiert über der platten Nüchternheit und steifen Diplomatie, an dessen gesellschaftlich normierten Grenzen er sich immer wieder reibt. Inclusive des verschrobenen Äusseren, was bereits in der ersten Viertelstunde zu ganzen vier verqueren Kostümierungen führt und so schnell die kommende Ideenarmut ankündigt.
Auch "Pepino, der traurige Clown" kommt zeitweise zur Anwendung, aber ebenso wie die finale Kursänderung zu einem verkappten Actionfilm nicht besonders raffiniert, sondern ziemlich stumpfsinnig-phrasenhaft gelöst.

All diese verpassten Möglichkeiten wären kein Problem, wenn man nicht das Potential dessen durchaus erkennen oder man auf andere Art und Weise der Ausgangsidee Herr werden würde. Einen intelligenten Menschen in einen naiven Anzug und einen Schauspieler, der keiner ist, in eine Rolle eines schlechten Schauspielers zu stecken und diesen selbst dann zu überzeichnen, wenn er eigentlich sein Innerstes nach außen kehren soll, ist dann doch ein bisschen wenig für 120min. Zumal darüber hinaus keine Erkenntnis gewonnen wird und die einzige Weisheit nicht nur in der tagline versteckt, sondern schon seit Shakespeare „Wie es euch gefällt“ Jedem geläufig ist: Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Frauen und Männer bloße Spieler.
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Donnerstag, 6. September 2007

Review: Mr. Cinema [ 15/06/2007 ]

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Ein mit viel Zeitdruck und gesellschaftspolitischer Bedeutung beschwertes Projekt, dass Regisseur Samson Chiu im Auftrag der chinesischen Regierung anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der feierliche Übergabe von Hongkong an China in Angriff nahm. Am 30.03.2007 startete die firmeneigene Zeremonie, die der Produktion in den kommenden Tagen und Wochen Glück bescheren sollte; am 15.06 lief man bereits in den Kinos an. Nun ist Schnelligkeit, wenn nicht sogar Hast kein Fremdwort im kantonesischen Filmgeschäft; angesichts der historischen Relevanz, dem sozialen Stellenwert und der beabsichtigten Ernährung des Nimbus der Volksrepublik verwundert einen der späte Zeitpunkt der Inauftraggabe aber schon. Dafür war zumindest die Wahl des Filmemachers und seines Drehteams folgerichtig.

Chiu hat mit dem Golden Chicken Zweiteiler bewiesen, dass er der geeignete Mann für ein ausschweifendes, lang greifendes, aber ebenso übersichtliches Porträt seiner Heimat und ihrer Bewohner ist. Auch hierbei merkt man dem Endergebnis nur selten die drohend tickende Uhr und daraus entsprechend eine vorstellbare Unruhe beim Arbeiten an. Allein das gewonnene Bildmaterial, die Vielzahl von Schauplatz, Intermezzi und Ereignissen sprechen Bände und gestalten das sonst durchwachsene Werk zumindest zu einer zwischenzeitlich schon interessanten, wenn auch reichlich kursorischen und final auch recht belastenden Arabeske.

1967.
Zhou Hung-kong [ Anthony Wong ] hat zwei Träume im Leben. Er möchte unbedingt etwas mit den bewegten Bildern zu tun haben, weswegen er auch Projektionist in einem kleinen lokalen Kino gleich neben seiner bescheidenen Kemenate auf einem Häuserdach wird. Und er will nach Peking, vor allem um den Platz des Himmlischen Friedens zu sehen [dessen dunkler Schatten des Massaker am 4. Juli 1989 geflissentlich ausgespart wird]. Zhou lebt zwar in HK, ist aber von tiefen kommunistischen Gefühlen und idealistisch-patriotisch-altruistischer Selbstaufopferung ausgefüllt, womit er weder bei seiner Frau Chan Sau-ying [ Teresa Mo ], seinem Sohn Zhou Chong [ Ronald Cheng ] noch dem befreundeten taiwanesischen Ehepaar Luk Yau [ John Sham ] und Lee Choi-ha [ Bau Hei-Jing ] auf große Gegenliebe stösst. Während die Zeit vergeht, Chong mit der Nachbarin Luk Min [ Karen Mok ] anbändelt und 1997 nahe rückt, muss auch Kong lernen, dass Träume manchmal nur dann in Erfüllung gehen, wenn man sehr lange daraufhin wartet.

Der gesamte Rahmen umfasst letztlich vier Jahrzehnte; und anders als bei den zwei parallelen Handover - Filmen Hooked On You und Wonder Women liegt hierbei das Augenmerk weniger direkt auf der Liebesgeschichte, sondern schon vermehrt auf den Veränderungen der Zeit, die sich auf Stadt und Personen auswirken. Sowieso ist der apparative Umfang weit verschwenderischer, ja geradezu überbordend im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten gehalten, was sich dann auch gleich enorm auf die jeweiligen Vor- und Nachteile auswirkt. Denn Alles, was man gerne ansprechen würde und zur Disposition in den Raum stellt, kann man in 110min nicht näher beleuchten. Geschweige denn zur vollen Zufriedenheit der Zuschauer abhandeln. Neben der lovestory, die sich wie üblich sichtlich früh anbahnt, aber erst über ewige Umwege ans Ziel bewegt, müssen auch die wichtigen historischen Daten protokolliert, das Sittenbild gezeichnet, das Erwachsen werden erfasst und natürlich auch dem Dienstherren in der Obrigkeit gehuldigt werden. Gerade das Letztere verschreckte neben einem überhand nehmenden tearjerker-Syndrom dann sicherlich auch den gemeinen HK-Chinesen, so dass im Einspiel nicht wirklich glorreiche Zahlen eingefahren wurden.

Besonders zu Beginn der Erzählung scheint man sich auch ohne weitere Vorwarnung in einem recht aufdringlichen Propagandastreifen mit viel gedanklichem Relikt bar naturwissenschaftlicher Objektivität zu befinden. Fehlt neben all dem lobpreisend-beschwörenden Gesänge, dem Fahnen schwingen und der aufpeitschenden, oft auch zum unpassendsten Moment vorgetragenen Agitations- und Indoktrinationsansprachen nur noch, dass man vor Betreten des Kinosaals mit KPCh - Ausweis und Parteibuch zusätzlich zum Popcorn ausgestattet wird. Manchmal weiß man dann auch gar nicht so recht, ob das eben Gesagte nun wahrlich so ernst gemeint war, wie es vorgetragen wurde, oder ob darin nicht doch der Schalk versteckt war. Einer für Alle und Alle für Einen als der beseelte Leitspruch der Sozialisten, die angeleitet durch den Marxismus-Leninismus und die Mao Tse Tung - Ideen den kapitalistischen Imperialismus bezwingen, stets am Stil des simplen Daseins und harten Kampfes festhalten und die unterdrückten und ausgebeuteten Volksmassen der ganzen Welt unterstützen möchten.
Der nationalistische Vaterlandsfreund spendet das Wenige, was er hat und soll sich gefälligst von der westlichen Pornographie fernhalten, die ihn ihm nur anti-idealistische, materialistische, heidnische Tumore erzeugen.

Irgendwann hört dieser "Ewiger Ruhm den Helden des Volkes!" - Absatz allerdings auf, und macht neben vielen anskizzierten Abänderungen und Umgestaltungen in Geographie und Seele auch anderen Sichtweisen Platz. Die Menschen in nächster Umgebung Zhous ziehen weg, gehen zuweilen gar ins Ausland, versterben, kurze Wirtschaftshöhepunkte wechseln sich mit schwerwiegenden Finanzkrisen ab, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit macht sich breit. Wäre der Anteil der persönlichen Krisen der drei Zentralfiguren der Zhou-Familie nicht so enorm und würde das Verhältnis von positiven und natürlich auch den negativen Dingen nicht so stark ins Dramatische überkippen, könnte man dem Film sogar eine sichere Behandlung der jeweiligen emotionalen Bewältigungen bescheinigen. Vor allem findet man die geeigneten Bilder, um zusammen mit der ruhigen Montage und leisen Tönen die gewisse drückende Besinnlichkeit auch beim Betrachter zu erreichen. Besonders geschickt ist das Einbringen der nostalgischen Komponente und der Alltäglichkeit der Ereignisse, die auf den Zhous einprasseln. Das Erinnern an die einstmals besseren Tage, das Verklären vergangener Erfahrungen, das hoffnungslose Nachjagen in ahnungslosem Nichtwissen beschlossener Herzenswünsche, Begehren, Sehnsucht, Verlust. All das spricht als massenpsychologisches Phänomen und kulturell übergreifende Erscheinung unweigerlich Jeden in seinen eigenen Gefühlen an und wird hier mit dem Vorhandensein des Kinos als Ersatz-Utopie rein psychischer Realität sogar noch verstärkt. Nicht nur im Titel wird dabei die Brücke zu Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso versucht, dessen Methodik man oberflächlich auch anwendet, diese Kunst der Sentimentalität, den erlesen pointierten Humor oder die metatheoretische Ebene aber verfehlt.

Denn man treibt es mit fortschreitender Dauer zu weit. Wird nicht nur anbiedernd repräsentativ, sondern auch zu manipulativ. Die vermeintlich hässliche Gegenwart fordert derartig viel Heimweh, Säkularisierungsprozess und Weltschmerz von den Beteiligten ab, dass sich aus dem eigentlich als melancholische Komödie vermarkteten Konzept ein rückwärts gewandtes MeloDrama entspinnt, dass sich an langen Gesichtern, auseinander fallenden Gebäuden und schwächer werdenden Körpern geradezu fest beißt. Aus einer [sicherlich auch nicht angebrachten] Jubelfeier wird ein passiv-resignativer Gedächtnistag, der zu oft das Leid der ganzen üblen Welt mit sich schleppt.
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Vorschau: CJ7 [ 2007 ]

Chow's "Hope" becomes "CJ7"
Written by Vicki Rothrock

Funnyman Stephen Chow's A Hope (aka Long River 7) has yet another new title: CJ7, according to a senior source at Sony.

Pic, which is in post-production, will be distributed by Sony Pictures Classics in North America, while Columbia Pictures Film Production Asia acquired world rights outside China.

Fantasy stars Chow as a poor Chinese laborer who learns important life lessons when his son gets a strange new toy.

CJ7, which also was scripted and helmed by Chow, was produced through his shingle Star Overseas in association with mainland China co-producer China Film Group.

No release date has been set, but it's targeted for the Chinese New Year.

Sony previously handled Chow's Kung Fu Hustle and also inked a multi-picture production deal with Star Overseas in May.

The first pic in the deal is Jump a hip-hop dance romantic comedy that stars Kitty Zhang as a cleaner who lives a different life at night.

Pic will be produced by Chui Po Chu (Kung Fu Hustle, Crouching Tiger, Hidden Dragon) and is expected to begin shooting this year. Sony Pictures Releasing Intl. will handle distribution of Jump and all future pics in the deal.

http://www.varietyasiaonline.com/

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Review: Eye in the Sky [ 21/06/2007 ]

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Das Auge im Himmel soll die totale Kontrolle über den Einzelnen erschaffen, ihn aus der Menschenmenge herauspicken können und über jeden seiner Schritte Bescheid wissen. Am Besten noch im Voraus bestimmen können, was die Zielperson dann und dann mit Wem macht; ein Raster errichten, durch dessen engmaschiges Netz Niemand und schon gar kein Krimineller mehr durchschlüpfen kann. Den autoritären Präventionsstaat. Eine Hightech-Überwachungsphantasie, beizeiten vom Staat initiiert und längst zur Realität geworden.
Eine vermeintliche Sicherheit für und gegen den Bürger, die letztlich nur Illusion sein kann und auch mit jedweger technologischen Flucht nach vorn immer wieder Zufälle und andere Schwachstellen aufweisen muss.
Yau Nai-Hois Regiedebüt Eye in the Sky beschreibt im Einzelfall eine Prozedur von Observation und Paranoia. Als Film über weite Teile so stramm geschrieben und inszeniert wie eine aggressivere Manndeckung, mit wenig Risiko, manchen Errungenschaften und hier und da auch Defiziten und Widersprüchen.

Yau, der als bisheriger Autor für Milkyway Films seit 1993 für die Bücher zu den meisten Johnnie To Arbeiten verantwortlich war, kann entsprechend seiner bisherigen Dienste hierbei auch auf das sonstig vorhandene Stammpersonal zählen. Dazu gehört neben To selber als Produzent und einer souveränen Schauspielerriege bestehend aus dessem üblicherweise genutzten cast auch Yaus eigener Co-Writer Au Kin Yee; mit dem er z.b. für Running on Karma oder PTU schon zusammengearbeitet hat. Vielleicht ist es die Einheit aus altbewährten Zutaten und eingespielten Mechanismen, die dieses Erstlinsprojekt so grundsolide gestaltet. Denn einfach zu handhaben ist die permanente Anspannung und das anfängliche Gewusel für einen Novizen eher nicht; bereits in den ersten Minuten könnten zumindest Ungeübte in den Zuschauerreihen die Übersicht auf die Beteiligten verlieren. Nicht weil Yau den Einstieg nicht findet, sondern weil er analog zum Thema von Kettenreaktion, Maßarbeit, Schicksal und Glück eine etwaig verschlungene Gallerie verschieden motivierter Personen entwirft. Jede einzelne Bewegung kann etwas bedeuten, jedes Wort, jeder Blick zählt. Doch erst das Zusammenspiel von Parteien und das Wechselspiel mit dem Gegner ergibt eine klarere Wiedergabe für die Informationsgesellschaft; eine flächendeckende Illustration, die vornehmlich aus Verfolgungs- und Identifizierungstools besteht und konsequent die neuen Methoden für Geolokalisierung und Lauschangriff anwendet.

Während Sergeant Wong [ Simon Yam ] von der geheimen Surveillance Unit seine neue Mitarbeiterin Bobo [ Kate Tsui ] nach einer gepatzten Einweisung zurechtweist, überfällt der Gauner Shan [ Tony Leung Ka-fai ] nur wenige Strassen weiter mit seinen Mannen einen Juwelier. Dabei entdeckt Senior Inspector Chan [ Eddie Cheung ] vom Criminal Intelligence Bureau auf den Aufzeichnungsbändern einen der Verdächtigen: Fatman Ng Tung [ Lam Suet ], der für entsprechende Rücksicherung beim Überfall sorgen sollte und mit der Hand an der Waffe aufgenommen wurde. Die Surveillance Unit soll im durch weitere Informationen eingeschränkten Radius Fatman aufspüren und ihn zu den Hintermänner verfolgen.

Diese einzige Situation mit nur einer Angriffsrichtung lässt die Handlung zuweilen sehr eingeschränkt wirken; auch wenn sich vorgeblich die Priorität ständig ändern kann, der Wissensbedarf universell gehalten werden soll und man sich nach den Worten von Sergeant Wong nicht auf tendenziöses Interesse beschränken soll.
Was anfangs durch die überhandnehmenden Aussenaufnahmen und der realen Bezüge wie der Versuch von Doku-Noir anmuten mag, erinnert alsbald und spätestens im Nachhinein eher an eine vorbereitende Pilotfolge, die ihre Ausgangsepisode mit einer Belastungs- und Bewährungsprobe veranschlagt und sich auf diversen weiteren Standardszenen ausruht. Vom Jäger zum Gejagten. Die Wiederholung der Ausgangslage unter geänderten Umständen. Der Reifeprozess.
Mit den Genrezutaten einer herrschsüchtigen Führungskraft, eines dienstälteren, verständnisvollen, unter die Fittiche nehmenden Partners, der schiesswütigen Auseinandersetzung zwischen Räuber und Gendarm und entsprechend grossangelegten Aktionen. Gemäßigte Schauwerte mit hohem Bekanntheitsgrad.

Lange Zeit bekommt man nichts anderes zu sehen als eine allerorts stattfindende Datensammelei; nach und nach werden in einer Phalanx von Organisationen, Netzwerken und Subjekten diverse Auskünfte von Kreditkarten- oder Telefonunternehmen oder einfach nur durch das Wühlen im Müll zusammengetragen. Ein langsames Engerziehen des Flechtwerks um die Beute herum. Ein Einkreisen, dass aber nicht Aufschrecken soll. Ein hochkomplexes System von Tätigkeiten und Abhängigkeiten, dass das Eindringen in die Privats- und Intimsspähre des angepeilten Zielobjektes so unmerklich wie nur irgend möglich halten soll. Desöfters erscheinen die jeweiligen Vorgänge aufgrund der fehlenden Doppelbödigkeit dabei wie ein starrer Versuchsablauf: Die allgegenwärtige und zuweilen übereifrige Kamera skizziert einen stetig angespannten Moment, in der jede Sekunde hundertprozentige Aufmerksamkeit nach allen Seiten und auf jede Kleinigkeit herrschen muss, aber keine Wahrheit aufgedeckt oder einer Intrige nachgegangen wird. Die bespitzelten Objekte werden auch nur ihrer Erscheinung nach hin analysiert: Herkunft, Mitarbeiter, Delikte, Motiv. Das Offensichtliche der Indizien reicht ja bereits für den Einsatz von Polizei- und Schussggewalt aus. Ein wüstes Feuergefecht mitten auf dem Highway als das Resultat einer gescheiterten Ermittlung.

Yau geht es nicht um die umliegenden gesellschaftspolitischen Fragen der Ausweitung der Befugnisse von Ermittlern und Diensten, die hier sogar gegenüber den Kollegen der Polizei incognito arbeiten, in einer Scheinfirma ihre Unterkunft finden und praktisch geheimdienstlich tätig sind. Auch nicht andersrum um das Problem der Beschränkung der individuellen Freiheit, der Gefährdung der Grundrechte und der folgerichtigen Verfassungswidrigkeit. Das Skript macht seine Ereignisse nicht der öffentlichen Diskussion zugänglich, vermeidet reelle Bedeutung und seelische Tiefe und beschwört ersatzweise einen Copthriller mit verkleinerten Wahrnehmungsraum und einer frostigen Mittel-heilt-Zwecke Interpretation.

Nur in wenigen Augenblicken und dann vor allem in der Figur von Neuling Bobo als den ethisch und moralisch noch nicht distanzierten Protagonisten unterbrochen. Zweimal wird sie während ihrer stillen, bevorzugt zurückhaltenden Tätigkeit Zeuge eines parallelen Verbrechens. Während auf der einen Seite die Allmacht postuliert wird, wird sie auf der anderen Seiten in ihre Schranken gewiesen. Bobo sieht sich in ihrer unerkennbaren Präsenz größtmöglicher Ohnmacht ausgesetzt. Nur zusehen zu müssen und nicht eingreifen zu dürfen und so indirekt zum Opfer eigener Methoden zu werden. Ein Effekt inneren Versagens und äusserer Verluste, der schon in Coppolas Der Dialog herausgearbeitet wurde, hierbei aber weitgehend auf subtile Gefühle verzichtet und stattdessen gemäss dem Titel für die optimale Übertragung sorgt. Sich den sachlichen Ursache-Wirkung-Abfolgen widmet. Versucht man sich einmal an mehr Emotionen, suhlt man sich abrupt in Tragik; wo keine ist und nun erst recht keine entsteht. Auch hat beileibe nicht jede Einstellung ihre besondere Bedeutung; ein auftauchender Nebenstrang, der vorher nur ganz schleichend als Randnotiz eingeflochten wurde sorgt zwar plötzlich für Wirbel, hört aber dann schneller wieder auf als er eigentlich gekommen ist.
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Review: Kidnap [ 14/06/2007 ]

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Als willkommene Abwechslung im Hongkonger Komödienstadl wurden im Juni 2007 auch zwei Thriller auf der Leinwand bereitgehalten; für das kantonesische Kino durch seine rare Anwendung eher ungewohntes Milieu, mit zumeist haltlosen Ergebnissen. Dennoch vermochte sowohl Eye in the Sky als auch der kurz vorher startende Kidnap zumindest als Ausweichprogramm zu banalen Humorangriffen immerhin weitgehend zu überzeugen. Auch wenn desöfters noch der letzte Kniff fehlt und sich die mangelnde Erfahrung im Abschluss immer wieder bemerkbar macht, bekommt man doch zwei Arbeiten geboten, die auf jeden Fall Lust auf Mehr erwecken.
Interessanterweise greift Kidnap - der zeitweilig auch unter dem Alternativtitel Chain Game kursierte -, dabei eine Idee aus eben Eye in the Sky auf. Dort ein kurzes Einsprengsel, dass für einen knappen Moment die gesamte Aufmerksamkeit von Beteiligten im Film als auch dem Zuschauer auf sich lenkt, aber dann keine weitere Relevanz in sich birgt. Hier das entscheidende Thema, der Ausgangspunkt, das Setting, die Problematik.
Die Entführung eines kleines Kindes.

Madam Ho Yuen Chung [ Rene Liu ] wird zusammen mit ihrem Partner Inspector Ho Chi [ Eddie Cheung ] vom Kidnapping des Sohnes von Business Tycoon Wang [ Gwok To ] informiert. Die Lösegeldforderung beträgt 10 Millionen HK$; die Entführerin Lam Hiu Yeung [ Karena Lam ] benötigt den Betrag für eine lebenswichtige Operation ihres kranken Ehemannes Liu Quian [ Xiao Bao ]. Als Ho nach einer Hetzjagd durch die Stadt feststellt, dass Lam und ihre Helfershelfer das falsche Kind entführt und stattdessen ihren eigenen Sohn in ihrer Gewalt haben, ist ihre berufliche Praxis noch mehr gefragt.

Einige Plotpunkte sind dabei so offensichtlich gehalten, dass man sich als Betrachter manchmal schon fragt, ob es überhaupt als Twist angelegt war, oder das Publikum doch in der konservativen Kraft der allwissenden Schiene gebannt werden sollte. Zumindest die Identität des Täters wird nie vorenthalten, sogar mit Vorgeschichte ausgeschmückt, um zusätzlich zu der formellen auch auf der emotionalen Ebene arbeiten zu können. Ausserdem kennen sich die gegensätzlichen Parteien auch im Privatleben: Madam Ho und ihr Team hatten drei Jahre zuvor weder die Geiselnahme von Lams Bruder noch dessen Tod verhindern können; ein Umstand, der aller Leben geprägt und sie auf ihre Weise in einer Art Offener Interdependenz / Korrelation für immer miteinander verbunden hat. Liebe verwandelt sich in Verantwortung, das Opfer wird zum Täter und der Fallensteller zum Gejagten einer gnadenlos tickenden Uhr.

Um das Zentrum der Freiheitsberaubung zirkulierend nutzt der Film entsprechend verschiedene Informationen und Beweggründe, um auch abseits vom technischen Überwachungs- und Ermittlungsverfahren die Konfrontationen auf dem Laufenden zu halten. Während beim eher kühlen Eye in the Sky das Mechanische, Routinierte, Abgeklärte fern jeder persönlichen Beteiligung im Raum stand, tritt hierbei häufig gerade die innere Anspannung, der Wesenswechsel und widersprüchliche Rückmeldungen zutage. Fern des sicheren Hafens eindeutiger Ideologie. Kein Schwarz und kein Weiss auf der Protagonisten- und Antagonistenseite, sondern eine gleichwohl versuchte Ambivalenz. Zuweilen weniger überzeugend als vielleicht mal geplant, aber durch gescheite Darstellerleistungen vor allem von Karena Lam und besonders Eddie Cheung trotzdem gewinnend.

Allerdings hätte man die Figur des schwerreichen Geschäftsmannes aus China im eigentlichen Visier der Kriminellen sowie die tumben nepalesischen Handlanger von Lam als auch Hos geschiedenen Ehemann Chow Siu-chi [ Julian Cheung ] sehr wohl mit ein wenig mehr Schärfe und Tiefe zeichnen können, wenn man sie denn schon in den eigentlichen Prozess involviert und auch an Ihnen das seelische Drama ausprobieren möchte. Nicht funktionieren tut der Schwerpunkt der erneuten Familienzusammenführung in Zeiten der gemeinsamen Gefahr. Die beiden geschiedenen Eheleute, von denen Er auch bereits mit Shirley [ Ella Koon ] eine neue Freundin hat, lassen nunmehr natürlich das sonstig aktuelle Thema des Sorgerechts fallen und verschwören sich zusammen gegen die Hilfe der Polizei, wobei sie auch alte Gefühle wiederentdecken. Eine blosse Behauptung, die außerhalb des Drehbuches nie richtig zum Leben erweckt wird und durch seine sterile Aufnahme mehr Schaden als Nutzen anrichtet; der egoistische Magnat und die eingeflogenen Ausländer für die Drecksarbeit sind noch schlimmere Klischees.
[Gröbster Knackpunkt der Inszenierung und beinahe tödlich für eine fesselnde Atmosphäre ist allerdings die mehrfache Untermalung durch Morricones "The Strength of the Righteous", dessen altbekannten Klänge durch Komponist Tommy Wai kaum modifiziert die Gedanken ständig auf die originale Herkunft The Untouchables ablenken.]

Zum Glück findet Regisseur Law Chi Leung [ Double Tap, Inner Senses, Koma ] noch einen Ausweg aus der groschenheftartigen Stereotypenkiste heraus in die Substanz; der handwerklichen Geschicklichkeit plus dem überlegt angezogenen Tempo sei Dank.
Mit verhältnismäßig großen Aufwand sowie einer ansprechend-hochwertigen Kameraarbeit versehen wird sich beileibe nicht auf dem Studioterrain ausgeruht, sondern emsig immer unter Zeitdruck durch die halbe Stadt begeben. Zwar muss man auf eigentliche Actionszenen gänzlich verzichten, aber darf sich im Kontrast dazu an viel Aktivität und wirksamen Außenaufnahmen mit formidabler Ausnutzung auch mal ungewohnter Schauplätze erfreuen. Jenseits des unmittelbaren Spektakels wird in eigentlich ruhig angelegten Szenen durch viel Sorgfalt anstachelnde Lebendigkeit, Mobilität, Vitalität angeregt. Eine konsequent eigene Bildersprache, bisweilen trocken wie eine scholastische Übung, aber mit Lust an der Präzision. Eine besondere Spielart der Spannungssteigerung, die mit dem Wissensvorsprung, der gleichmässig verteilten Sympathien und dem einfühlenden Miterleben arbeitet, ohne sich gleich in einen erregten Suspense zu bewegen.

Die Sekunden des etwaigen Entdecktwerdens, das Abschütteln der Verfolger und die Konflikte von Pflicht, Moral und Gewissen werden nicht in lustvoll gesteigerten oder gar überspitzt formulierten Höhepunkten geboten, sondern in für heutige Verhältnisse eher laxer Behandlung dargereicht. Potenzial, Tatkraft und Verve der jeweiligen Szenen ergeben sich statt aus den intensiven Zuständen des thrills vielmehr aus der subjektiv verknüpften Wahrnehmung mit der jeweiligen Person. Eine Motivationspsychologie, die stark davon abhängt, wie man sich in die Geschichte und die unterschiedliche Lage beider Parteien versetzen vermag und für welche Person man trotz Ärger, Schuld, Frust und Aggressivität einen Schutzmechanismus entwickelt. Gerade bei dem mehrmaligen Zusammentreffen von Inspector Ho mit seinem "Pflegefall" Lam - die er auch privat unterstützt und freundschaftlich begleitet, aber beruflich als Phantom jagt und unwissend eng auf den Fersen ist -, ergeben sich immer wieder affektive Belastungsproben, die auch fern einer psychoanalystischen Studie eine prekär-zuspitzende Lage formulieren können.
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