Samstag, 12. April 2008

Review: The Army [ 2004 ]

cover
Regisseur Kevin Chu Yen-ping ist mit seiner individuellen Charakteristik sicherlich Vieles; je nachdem, wie man seinem Werk gegenübersteht fallen die entsprechenden Attribute positiver oder doch eher nicht aus, wird geschwärmt oder wenigstens verziehen oder auf der anderen Seite gehetzt oder müde abgewunken. In einem sind sich allerdings Alle einig: Er ist kein Poet des Phantastischen. Kein Bildhauer, der das Duell der toten Seelen in den Irrgarten der Ausweglosigkeit verlagern und dort theaterwirksam Enge, Krisis, Not verbalisieren kann. Niemand, der auf der Suche nach fatalen Themen, sündigen Träumen, bitteren Reflexionen oder mörderischen Hirngespinsten ist, der die motivierte Lust auf Neugier oder Furcht mit sich führt, für seine Effizienz bekannt ist oder die Bereiche des Realen noch die des Imaginären überzeugend kontrollieren oder wenigstens ergründen kann.

Chu für einen Horrorfilm einzusetzen bedeutet neben einer Attraktivitätssteigerung auch eine schiere Unmöglichkeit, nicht mal bloß ein unnatürliches Wagnis mit erhöhtem Betreuungsbedarf, sondern ein Unding, ein frommer Wunsch, der das Endergebnis entweder zu einem eigentümlich behandelten Wunderwerk macht. Oder zu dem, was The Army letztlich darstellt.

Die Lagerfeuergeschichte selber baut sowohl auf der einschneidenden Methodik der Wiedergeburt mit religiösen idealen Gehalt als auch auf den ersten Dingen des Lebens auf, die der junge Mann beim Eintritt in die Welt der Erwachsenen vollziehen muss. Dem Wehrdienst, das Mann-Werden mit der Waffe in der Hand, wobei ihm neben allerlei Schießtraining und Laufen um den Block auch noch beigebracht wird, wie man außerhalb Hotel Mama das Bett richtig bezieht und den Kragen korrekt schließt. Eine seltsame Außenwelt, eine fast sektenhafte Abschottung, für die Meisten zeitlich begrenzt und mit absehbarem Ausgang, eine Erfahrung, die mehr mit Ritual als Magie zu tun hat und mehr mit Widerwillen als mit Faszination. Eine kuriose Abnormität, die Chu bereits ausführlich in Augenschein genommen hat, auf seine abwegig kürzertretende Art und Weise wohlgemerkt. A Home Too Far, End of the Road, Forever Friends spielen mehr oder weniger direkt allesamt in dem Milieu von Schlachtreden, Dienstgrad, Befehlskette, Befehl und Gehorsam sowie der historischen Bedeutung nationaler Begebenheiten der Vergangenheit und Gegenwart, dessen beherrschende Ordnungsrelation auch ausdrücklich im folgenden Fall Bestand hat und über mehrere Stationen im Film noch einmal erneut herauskristallisiert wird:

Taiwan. 1992. Frühling.
Vier sich einander wildfremde Männer haben das bescheidene Glück, während ihrer Rekrutenzeit alleine mit einem forschen, reichlich ungehobelten Ausbilder auf einer isolierten Insel ausgemustert zu werden. Nicht nur, dass der Fanatiker in Uniform sie bei der körperlichen Ertüchtigung ran nimmt und im Gegenzug mit seltsamer Ernährung in Form von Schlangen, Ratten und Fröschen abschreckt, auch stellt sich beizeiten heraus, dass das Atoll trotz Zauber des begrünten Lokalkolorits seit über sechzig Jahren verwunschen ist. Im Zweiten Weltkrieg als Exekutionscamp der Japaner benutzt, streifen die ungesühnten Toten durch die besudelten Hallen, darauf wartend, das Unrecht zu vergelten.

Das Unerklärliche, das Übernatürliche und die Gerüchte um diesen alten Fluch dienen dabei erst als Spiel im Spiele, später gar als Film im Film. Ein eigentlich legendäres Sujet, hier aber als kleinbürgerliche Kommißpostille, als kinematographische Improvisation voll falscher Finten und realer Magiertricks, die dem später tatsächlich herrschenden Schrecken vorher bereits die Aura des faulen Zaubers verabreichen. Verdrängungsmechanismen, ein Ausweichen in die gaukelnde Fiktion, um sich von dem Feind im Rücken [ Japan ] und dem, der stetig vor der eigenen Haustür steht [ China ], abzulenken. Um sich die Zeit alleine zu vertreiben, vor den Anderen als Wagemutiger hinzustellen und auch um die allgegenwärtige Beklemmung an diesem unheimlichen Ort in ein befreiendes Gelächter aufzulösen wird unter den Vieren als dramatische Vorstufe ein sich gegenseitig Überraschen und Überrumpeln betrieben. Als verschrobener Intrigenplan und eigenartige Rückkopplung die Doppelbödigkeit und Neuorganisation von Schein und Sein. Als immer wiederkehrendes, mehrfach variiertes Leitmotiv zwischen Kunst und Manipulation ein derart eifriges Dunstbild erschaffen, dass man bald und selbst in Situationen etwaiger Gefahr nicht mehr erkennen kann, was nun echt und Praxistest ist, was Sackgasse und was nicht. Plötzliche Stimmungsumschwünge, Ausbrüche fieberhafter Aktivitäten, extremes Misstrauen und dann die Abgestumpftheit und bitterer Zynismus aufgrund der unendlichen Mannigfaltigkeit von Scheinhandlungen und Täuschungsmanöver kennzeichnen schnell die Trümmer einer einstmals aufs Genaueste disziplinierten Atmosphäre. Hinzu kommen die alltäglichen Sinnlosigkeiten, Zank und derbe Späße der Pflichtjahre, die mangels konkreten Daseins auch die Darstellungsmittel der ohnehin schon labil schmalbrüstigen Regie restringieren.

Das stagnierend-verweilende Drehbuch selber baut auf einer wenig komplexen Netzwerkstruktur auf und ergeht sich statt der Konzentration auf den mystifizierten Rachegedanken im Reich der Dunkelheit zumeist im simplen und auch noch blutleeren Abklappern der wenigen vorhandenen und umso nüchternen Haltepunkte. Aufenthalts- und Schlafsaal, die Wache, die Latrine, das freie bzw. wildbewachsene Feld und der Strand als Begrenzung der reichen Naturumgebung. Außerdem der Gelass vom evil sergeant, ebenfalls einfachster architektonischer Anordnung. Und eine etwas abseits befindliche Behausung, die zwar von Weitem wie nach einem aus riesigen Stück Berg gehauenen Hochhaus ausschaut, aber beim Näherkommen ebenfalls bloß als schäbige Baracke entpuppt. Ein Teufelskreis.

Ähnlich wenig erbaulich ist der statuarische, seltsam unzusammenhängende und eher behäbig hin- und herpendelnde Fortgang zwischen diesen Etappen. Unzeitgemäß weitschweifig; eine wahllose Vermischung tragischer und komischer Elemente, die trotz der Stimmung des bedrohten Friedens und den üblichen Genrezutaten wie Wahnwesen, Todesbote, Vollmond, Mitternacht und Ouija-Brett weder physische Ausdrücke noch konkrete Expressivität oder anderweitig Virilität oder Virilität erreichen vermag. Stattdessen ein emotionsloser Gleichschritt Marsch im Tarnfleck, der neben einer seltsam dünnhäutigen Optik, einer recht verqueren Assoziationsmontage, aufdringlicher Effektbeleuchtung und der vorherrschenden Sprechhandlung samt Propagandaliedern im Hintergrund vor allem deswegen keinen nachdrücklichen Rhythmus erlangt, weil Chu auf Gedeih und Verderb kein Gespür für Timing dieser blockartigen Aneinanderreihung entwickelt.
1
2
3
4
5
6

Review: Yes, I can see Dead People [ 04/01/2008]

cover
Grau und leer ist das Gebäude, wie ein riesiger gusseiserner Sarkophag, eine aufgebahrte Totenlade, aus einem groben Stück Stein gemeißelt und in schockierendem Frost erstarrt. Ein Wohnblock nur dem Namen nach, der selbst mit beschäftigten, ein- und ausgehenden und innerhalb der Familie miteinander oder den Nachbarn gegenüber kommunizierenden Mietern schon ein trauriges Fleckchen Erde wäre. Aber nun, da kaum noch Jemand in der Gegend wohnt, Niemand zu Besuch kommt und die Polizei samt Leichenwagen fast öfters anwesend ist als die eigentlichen Anwohner nur noch ein heimatlos verwinkeltes Grab am Rande der Gesellschaft darstellt.

Warum überhaupt noch Jemand in dieser einbalsamierten Gruft haust, in dieser betrüblichen suizidgeschwängerten Einöde im Hinterland, die auch bei seltenem Tageslicht mehr an einen Maschinenraum im Keller als eine Wohnstätte erinnert und ähnlich feucht warmen Brodem absondert, ist sicherlich ein Rätsel. Allerdings nicht die Frage, die sich das Regiedebüt von David Lee Kwong-Yiu stellt. Die Logik, die Wissenschaft und der Fortschritt spielen keine Rolle, in Sachen Erklärung wird der Verzicht gepredigt, die Form steht im Vordergrund, die aktive Raumauflösung als angsteinflößendes Motiv. Weniger ist bei Farbgestaltung und Lichtsetzung ebenso mehr, wie die absolute Hingabe an eine Welt des Übernatürlichen verlangt wird und erforderlich ist. Der schiere Aberglaube steht im Mittelpunkt des Geschehens, ein robuster Zugriff des Bösen, ein auswegloser Kampf zwischen dem Okkultismus, dem Mystizismus, dem Spiritismus, der Besessenheit, dem Exorzismus, zwischen der Vorsehung und dem Schicksal, der Rettung und dem Verderben. Zwischen der menschlichen Seele gegen die beseelte Natur. Grusel im klassischen Sinn, neu aufbereitet.

Das Drehbuch als pechschwarze Karma-Soap mit stark begrenzten Personal und einer narrativen Prädestination, die den eigentlichen Erstauftritt schnell und unvermeidlich in Richtung fatalistischer Endabsicht schiebt. Besonders das Setting kommt Einem mehr als bekannt vor; ist sicherlich möglich, dass es nicht exakt derselbe Dreh- und Angelpunkt wie bei sowohl Dating a Vampire [ 2006 ] als auch House of the Invisibles [ 2007 ] ist, aber das verschachtelte Häuserviertel trägt genau das entsprechend gleichartige Totenhemd. Ein ähnlich schwach bevölkerter Gebäudekomplex, nicht näher definiert, nur mit einer kränklich grünen Lichtquelle der Taschenlampe gespeist, mit den gleichen Materialisierungs- und Destabilisierungphänomenen heimgesucht und auch den identischen Bewusstseinsspaltungen versetzt.

Nun ist das kantonesische Kino besonders in Sachen Horror ein Meister der Selbstbeschränkung. Eine kleinmütig konservative post mortem - Show, für die das fortdauernde Zitieren und somit Repetieren ebendieser Eigenschaften für alle Ewigkeit eine unumstößliche Gültigkeit hat und so immer wieder die gleiche chronisch unterernährte Materie durchquert. Bahnbrechende Innovationen darf man von einem augenscheinlich recht kleinen, weitgehend mit unbekannten Namen ausstaffierten und mit wenig Aussicht auf Erfolg platzierten Produkt möglicherweise auch gar nicht erwarten:

Der junge, sich als Kellner mehr schlecht als recht durchs Leben schlagende und weitgehend in den Tag hineinschlurrende Wah Koon-nam [ Steven Cheung ] hat ein Problem. Er kann Tote sehen, mit ihren unruhigen Geistern kommunizieren. Nicht nur deswegen fällt es ihm schwer, sich in seiner eigenen Realität zurechtzufinden, oder wenigstens mit der hübschen Stewardess von Nebenan, Mei Chee [ Kathy Yuen ] ein Gespräch und Mehr zustande zu kriegen. Nams Bruder Tung [ Kris Gu Yu ] dagegen hat zwar eine florierende Beziehung mit der attraktiven Modeverkäuferin Charlie [ Mandy Chiang ], kehrt nach einem gemeinsamen Wochenendausflug allerdings schwer verstört zurück. Durch eine geheimnisvolle antike Dollarnote hat die schwarze Magie von ihm Besitz ergriffen und weitet ihren unheilvollen Sog rasch auf die nächste Umgebung aus. Während Nams Eltern [ Amy Chum und Sun Limin ] dem folgenden Verderb weitgehend ratlos gegenüberstehen, weiß der Hauswart Fuk [ Lau Kong ] umso mehr Bescheid.

Abgesehen davon, dass der hiesige Vertreter nicht nur seine beiden "Vorgänger" samt allgemein gültigem Handlungsgebot ohne weitere Probleme in die Tasche steckt, und auch sonst die letztjährig aktuellen Kollegen wie Haunted School oder Naraka 19 weitgehend mühelos auf die hinteren Plätze verschiebt – was anerkennenswert, aber auch so die Kunst nicht ist: Auch hier wird beizeiten deutlich, warum gerade die Trilogieform in diesem Genre so populär ist. Für eine diesbezüglich ratifizierte Troublesome Night Episode mit 30min Länge wäre das sinistre Ausgangsmaterial im Spiel mit Wissen und Erwartung vielleicht nicht gleich vorzüglich, aber mutmaßlich besser geeignet als für einen abendfüllenden Spielfilm. Zwar kann Neuling Lee mit einem schräg humoristischen bis zynischen Einschlag zu Beginn, einer korrespondierenden Portion Erschütterung, Erschrecken, Entsetzen, und einer wenigstens konsequent urwüchsigen, fast rustikalen Regie samt tatsächlich schöpferischen Bewusstsein aufwarten.

Anders als die Figuren im Film vermag man den Zuschauer selber allerdings bei weitem nicht in die unnahbare Sphäre des Anderen, des feindselig Nebulösen, des beklemmend Unerklärlichen einbeziehen und trotz intensiviertem Schauerambiente auch keine dämonische Indolenzzone von Wach und Traum und Verfall und Zerlegung formulieren. Der sich bemühende Schritt in die richtige Richtung von schleichendem Grauen samt der aufhebenden Distanz und latent vorhandenen Poesie bleibt in einer auf Dauer eintönig faden Halbdunkelwelt-Optik, dem üblich expressiven Sounddesign, einer bald ermüdenden Blitz-und-Donner Dramaturgie und ganz allgemein auch der gängigen Ikonographie des Genres hängen, ohne eine eigenständige Vision beschwören zu können. Es wäre gerne Dorm, ist aber trotz manch dezenten Zwischentönen nur ein monoton nebelwallender Kunstkosmos mit unbedeutender Tiefenpsychologie, schmalem Innenleben und dem Ausbleiben anderweitiger Subtilität.

Die wahrhaft gespenstische Aura speist sich in knappen Einzelmomenten aus ausgerechnet alten Erinnerungen; nicht aus dem Umherirren in möglichst abbruchreifen, leer gefegten, bis auf den Mondschein stockfinsteren Orten nahe Verrottung und Verwesung, sondern der kompositorisch geschickten Mahnung an alltäglich vorstellbaren Ereignissen. Da sich die Aufklärung bezüglich des Fluchs, seiner Ursächlichkeit und seiner Auswirkungen ein wenig verstockt verhält und man lange Zeit entweder immer nur dasselbe, aber nie wirklich etwas Genaueres erzählt, halten zwei unselige Vorkommnisse als Anhaltspunkte der aufgelösten Panik her. Der verheerende Amoklauf eines Geistig Behinderten in dem einstmals blühenden Milieu. Und ein fürchterlicher Busunfall, der fast einer gesamten Grundschulklasse das Leben gekostet hat. Hier vollzieht sich nicht der Übertritt von der realen Welt in die phantastische als Schock, sondern umgekehrt, im Aufbrechen verdrängter Erfahrungen und der direkten, mal eben nicht sublimen Konfrontation mit Schuld und Sühne.
1
2
3
4
5
6

Montag, 18. Februar 2008

Review: A Bloody Fight [ 12/05/1988 ]

cover
Relativ ruhiges, mit kleinen Mitteln erzähltes Killerdrama um die formelle Selbständigkeit der individuellen Besonderheiten, die Zufälligkeiten von Absicht, Vorhaben und Bestimmung, dem Begriff und der Wiederherstellung der Ehre sowie der Kollision von Freundschaft und Gerechtigkeit. Wie so oft im Genre, deren Drehbücher geradezu von einer verschworenen Denkkollektive verfasst werden, geht es um die Bestandsprobe einstmals festgelegter Werte, um das Infragestellen eigentlich als bekannt und allgemeingültig gehaltenen Tugenden und Bindungen, die allerdings wie alles im Leben ihr eigenes Ablaufdatum ohne die entsprechende Garantie auf ewige Gültigkeit besitzen. Eine Selbständigkeit der subjektiven Eigenwilligkeit, die sich auch im großen Wechsel äußerer Umstände bewähren muss.

Die Konfrontation von Polizist auf der einen Seite mit seinem ehemals besten Freund, der nunmehr natürlich auf der falschen Ordnung, der des Verbrechertum steht, ist dabei die mit am striktesten durchgezogene Prüfungssituation. You're the cop, I'm the murderer. We're opposites. Schon von Berufswegen ein absoluter Fauxpas, eine Verschiebung der Barrikaden und nur noch überboten durch den Entscheid zwischen Kameradschaft / Brüderschaft und Liebe sowie Freundschaft und Familie, die ebenso oft unter die Analyse von Mannigfaltigkeit und Gradation der Empfindung und Leidenschaft gezogen werden. Welchen Weg wählt man, wenn man vor die Wahl gestellt wird, an wem hängt man mehr, vertraut man mehr, schuldet man mehr und wen gibt man schweren Herzens im Gegenzug auf. Das schmerzhafte Aufsuchen des eigenen Ich. Hier wie so oft eine dramaturgische Frage, die mit ausgeprägt herausgehobener Emotionalität, manchen nachdrucksvollen Besinnlichkeiten und unmissverständlich hervor scheinenden Problemen betrachtet, in der Gegenüberstellung gesteigert und letztlich zur finalen Auseinandersetzung gerufen wird; auch wenn hiesig in der eher besonnenen Durchsetzung ohne Innovationsimpuls, Zuspitzungen oder Wendungen nicht einmal ein richtiger Showdown spendiert wird:

Chui Keung [ Norman Chu ] arbeitet seit mehreren Jahren als Auftragsmörder für einen international assassin club, möchte allerdings nach dem Verschulden eines unabsichtlichen Todes an einer Unbeteiligten den Job niederlegen und sich mehr um seine Frau [ Wong Aau ] und den gemeinsamen Sohn kümmern. Sein Ziehvater und Lehrmeister Leung [ Liu Chia-Liang ] unterstützt ihn bei diesem Vorhaben und legt auch ein gutes Wort bei den Führern der Association, Mr. Cho [ Chu Yuan ] und Wai [ Shum Wai ] ein. Kann allerdings nicht verhindern, dass Chui Keung dennoch auf die hausinterne Abschussliste gesetzt und dessen Familie bereits beseitigt wird. Nun hat dieser nur noch seinen alten Freund Lau Fai [ Gordon Liu ] und dessen Schwester Little Lau [ Ngai Lau-loh ]; allerdings ist Fai mittlerweile Inspector bei der Polizei und längst unbewusst hinter Chui Keung her, da dieser als letzte Mission Fung Yan Chak [ Fung Hak On ], einen Kronzeugen der Staatsanwaltschaft zum Schweigen gebracht hat.

Wie auch im nachjährigen Abkömmling A Fiery Family liegt das Hauptaugenmerk in der Besetzung eindeutig mehr auf altgediente, honorig rechtschaffene, noch einmal aufs neue motivierte Recken statt dem gegebenenfalls fälligen Popstarcasting Marke Andy Lau und Co., die sonst jeden anderen Bloodshed mit ihrer Anwesenheit beehren. Demgemäß glaubhafter wirkt sich neben dem ungewohnt hohen Martial Arts Anteil auch das häufig vorkommende Herbeisehnen der eigentlich längst geschehenen, aber innerlich noch nicht abgeschlossenen, da als verklärt hingestellten Vergangenheit aus. Das schon zeremoniöse stay in the past Verhalten führt hierbei öfters zu kurzen, aber umso beklommenen Zügen vielleicht nicht gramgebeugter, aber doch geknickter Rückbesinnung von Anschauungen und Zwecken, denen die jetzt ablaufende Gegenwart nichts mehr entspricht. [Kurz vor Ablauf der realen Karriere und angesichts der nicht länger zu trotzenden Alterserscheinungen der wortkargen Beteiligten durchaus eine Überschneidung von Kunst und Realität, auch wenn die psychologischen Aspekte der Schein-Sein-Problematik und das entsprechend bittere Erkennen der Wahrheit nicht im diskret betrachtenden Blick verschärft werden.]

Eine Verifizierung archetypischer Gattungsvorstellungen, ein wenig schnöde, ein wenig sanft verstiegen. Souverän, aber mit zögerlich verhaltener Gemütserweichung. Der einzige Schritt überhaupt in die Zukunft hinein ist der kurze Traum vom holden Glück, den Chui Keung nach seinem Ausstieg mit seinen Liebsten auf dem Lande feiert: Eine vermeintlich einfühlend wahrnehmbare Montage des Zustands der Willensbefriedigung, die den Zuschauer allerdings niemals verführen, sondern höchstens vorführen kann. Bis die längst platzierte Autobombe das friedliche Paradies der ach so unschuldigen, offensichtlich nur suggerierten Idylle zerreißt.

Das Wissen, dass nichts mehr so sein wird wie früher, der Schritt in die Bedürfnislosigkeit, in die Hypomelancholie, dem Wahn eigener Verschuldung aufgrund der Lebenslügen und der Verworfenheit stellen statt dem üblich antreibenden Fortgang in distanzierter Reflexion die wesentlichsten und auch die am gescheitest heraus skizzierten Merkmale der abwartenden Erzählführung bar Affront, Schock und Exzess dar. Profitieren tut man darüber hinaus von der überaus klaren Situationsdeutung, dem Mangel an moralischer Belehrung, den konventionell gehaltenen und damit verständlichen Szenentypen und der wenig affektierten Diktion mit Raum für längeres Nachdenken, auch wenn derlei Einfälle bereits damals schon zum Schema verkommen waren.

Leider tritt sich der sonstig durchaus gekonnt taktierende, geradezu in der universellen Allseitigkeit zwischen unpersönlicher Vielseitigkeit und standardisierter Vorschrift herum lavierende Film einige Male selber auf die Füße; nicht so sehr materiell als vielmehr formal. Der Zahn der Zeit hat nicht nur an den gar fürchterlichen Kleidungen und Frisuren eigentlich sämtlicher Darsteller genagt, auch das mehrfache Anspielen einer chinesischen Covervariante von Europes one-hit wonder "Final Countdown" stellt die Nackenhaare besonders auf.
1
2
3
4
5
6

Samstag, 16. Februar 2008

Review: Fatal Mission [ 12/12/1991 ]

cover
Grimmiger modern day Reisser vom Golden Princess Amusement Co., Ltd. Distributor, die zwischen 1989 und 1992, also quasi in der Goldenen Phase, der Blütezeit des gegenwärtigen Actionkinos eine schon zahlenmäßig erstaunliche Reihe von entsprechend zeitgenössischen Vertretern veröffentlicht haben. Praktisch die Crème de la crème, eine elitäre Gilde an glücklicherweise meist ernst gehaltenen, nicht über dramaturgische Umwege irrenden, mit solidem Finanzhintergrund und folglich auch den damals noch in Scharen vorhandenem Talent hinter und vor der Kamera gesegneten Produktionen, die bis heute eine leistungsfähige Auswahl aus dem damaligen cineastischen Habitus darstellen.

Der Schwerpunkt der durch ihre drastische, ungeschliffene, leicht ungewandt, aber nicht eingerostete Machart gut erkennbaren Quintessenz lag dabei normalerweise auf diversen Triadenwerken, die man mit Just Heroes, Return Engagement, Gangland Odyssey, Hong Kong Godfather, Requital usw. auch in angemessen ausdrucksstark stilisierter, dennoch raubeiniger Weise bedient hat. Fatal Mission – vom ehemaligen Shaw Brothers Akteur und heutigem adult softcore Regisseur Stephan Yip – ist eine der wenigen thematischen Ausnahmen, nimmt aber sonst dieselben Formen und Gestalten an; eine unglamourös expressive Sprache, in der Gesten und Mimik ungehindert kantig wirken, mit individuell ungebrochenen Drang nach vorne und der treibenden Tendenz zur aufgeregt-vereinfachten und vereinfachenden Unterhaltung. Als entscheidend wichtiges Rückgrat das Motto, dass man es auf keinen Fall nicht komplizierter macht, als es tatsächlich ist.

Ein wenig linkisch plump, aber nie umständlich oder gar schwerfällig gehalten wird eine öffentlichkeitswirksam zerklüftete Geschichte der allumfassenden Paranoia erzählt, in der das Leben einer ganzen Familie schon durch eine simple Verwechslung, ja einen unglücklichen Zufall entweder ausgelöscht oder so rabiat umgekehrt wird, dass nie wieder etwas so wie früher sein wird. Aus der Normalität gerissen, dessen idyllischen Frieden man gerade noch im privaten Kreis seiner eigenen kleinen Welt feiern und sich daran erfreuen konnte, wird von Heute auf Morgen die Situation eines erbarmungslosen Rachefeldzugs. Spekulative Grundlage, ein Milieu der Verbitterung, der Desillusionierung, des Frustes, analog karg illustriert, mit Mut zu einigen brüsken Schlenkern und der Vorliebe für ungeschöntes Vorgehen nahe der zivilisatorischen Albtraumgrenze. Als Prämisse nicht nur die Kriminalität der Mächtigen, sondern gleich polizeiliches "Fehlverhalten". Um eine Gruppe Drogenfahnder, die außerhalb der Institutionellen Kontrolle ihr eigenes Gesetz, ihren autarken Berufsethos, ihr Phänomen der Befehlsgewalt schreiben und danach handeln:

Familienvater Peter Liang [ Derek Yee ] wird während der Geburtstagsfeier seines kleinen Sohnes, die er zusammen mit Frau und dem jüngsten Kind, einer Tochter, zuhause im trauten Heim verbringt, jäh aus der trauten Gemütlichkeit gerissen. Im Auftrag von Captain Keeler [ Saskia Van Rijswijk ] vom narcotics bureau, allerdings nach Weisung vom Drogenhändler Harry [ Ricky Yi ] brechen fünf von Keelers Truppe [ Joseph Cheng, Frankie Chan Chi-Leung, Alan Chui, Leung Gam-San, Pomson Shi ] in sein Haus ein. Im folgenden Kampf wird Peters Frau erschossen und sein Sohn durch ein ausbrechendes Feuer getötet. Superintendent Woo [ Sibelle Hu ] übernimmt die Ermittlungen, muss nach wochenlangen Nachforschungen allerdings mit Antworten ausbleiben. Währenddessen kommt Peter über seinen vor Angst flüchtigen Nachbarn Chuck [ Gallen Lo ] sowohl an das Motiv als auch die Hintermänner des Verbrechens heran und setzt nach weiteren bürokratischen Fehlschlägen seine Erfahrung als Sprengmeister gegen Keeler und ihre Eingreiftruppe ein.

Auch wenn sich die spröde Regie bis dahin einige Zeit lässt und auch zwischenzeitlich lange das nunmehr nachhaltig zerrissene soziale Leben von Peter Liang und seiner etwa zweijährigen Tochter in Augenschein nimmt, so entsteht doch keine Diskussion aus soziologisch-realwissenschaftlicher Sicht über die Durchführbarkeit des grundrechtsschützenden Strafnormen gegen die Polizei, den Sinn von Beschwerdeinstanzen oder einen Alternativentwurf rechtlicher Konstruktionen, die die Geheimnisse und Geheimhaltung des polizeilichen Apparates näher in Augenschein nehmen. Ähnlich wie im frostig herben The Last Duel [ 1989 ] oder noch weit eher in Magnum Force [ 1973 ] wird in der hiesig präsentierten Exekutive eine Obrigkeitsherrschaft definiert, die mit ihren Instrumenten zur Unterdrückung von Allen Gehorsam erzwingen kann. Eine Gendamerie Schwarzer Schafe, die egal unter welchen Bedingungen einen unbarmherzigen Dienstleistungsbetrieb ohne moralischem Anspruch, dafür aber mit primären Selbstzweck führen.

Als Erwerbsorganisation, die alles ausnutzt, wo sich konkrete Vorteile bieten. Ein absoluter Gewaltstaat voll Raubrittertum im wörtlichen Sinne, dem der geprellte Kleinbürger wenig entgegensetzen kann; außer natürlich, wenn er denn statt auf die Justiz der Allgemeinheit auf sein abgeleitetes Recht auf Selbstjustiz gegen die Feindlichen Verbände zurückgreift. [ Eine hübsche Asymmetrie zu Vengeance is Mine, wo der mandeläugige Edelmime Derek Yee als Durchschnitt der Bevölkerung mit Vertrauen auf law & order einen massiven Verdrängungsprozeß beschritt, noch weitgehend tatenlos den Schandtaten zusah und genau wegen dieser Teilnahmslosigkeit büßen musste. ]

Ein Lernprozess der blutrünstigen Vigilanten-Gnadenlosigkeit, die die Death Wish / Death Sentence Interpretation in grantig missgelaunten Bildern verdüsterter Beleuchtung präsentiert. Die vermeintliche Wiedergutmachung, das eigene therapeutische Potential, das Geraderücken in ausgleichender, wenn auch nicht ordnungsgemäß statthafter Gerechtigkeit sorgt für die tief enttäuschte, gleichzeitig wilde Energie der Handlung und zusätzlich auch dafür, dass ihre Bindung und Koordination sichergestellt ist. Auch wenn neben konkreter Transformation eben auch eine Menge Exploitationcharakter, Populismus aus der Boulevardpresse und Emotionalität per Holzhammer im anteiligen Beitrag erforderlich ist. Mit ähnlich grobkörnigem Werkzeug wird dann auch zur Tat geschritten, physische Kraft statt geistige beansprucht, sich von Beginn weg ohne große Skrupel bekämpft und final in der Tötungslust triumphiert: Spaten, Stahlrohre, Steinen, Glas im direkten Zweikampf eingesetzt und aus der Hinterhand mit Messern, Pistolen, Brandanschlägen und flächendeckendem Granatenwurf agiert.
1
2
3
4
5
6

Review: Angel's Project [ 1993 ]

cover
Im vorläufigen Abschlussjahr des girls with guns Genres von SLG Film Productions (HK) Ltd. bereitgehaltener Durchschnitts-Vertreter, der in zeitgenauer Abrechnung dem damals noch gut bestückten Konkurrenzkampf ein wenig die Federn lassen musste. Zumindest heutzutage, ausschlaggebend sicherlich auch durch offizielle Distribution sind ganz ähnlich gesinnte Arbeiten wie Angel Terminators 2, Avenging Quartet, Madam City Hunter und Way of the Lady Boxers mehr im Munde der entsprechenden Klientel, auch wenn sie selber keine handwerklichen Meisterstücke darstellen. Leider Gottes kann Angel's Project die jahrelange Vernachlässigung auch nicht reaktiv wiedergutmachen, das Unterschätztwerden nicht umkehren, keine Sonderausgabe in Gold erlangen.

Etwaige Versprechen aufgrund der Mitwirkung durch die beiden battle queens Sibelle Hu und Moon Lee sowie der üblichen Belegschaft und die Andeutungen eines Kleinkriegsfilmes im Dschungelmilieu treffen alle nicht in dem Maße ein, um das Fabrikat auffällig aus der Masse entsprechend gleichartiger, geradezu verwandter Werke vereinfachender Gleichsetzung herauszuheben. Eine geschlossene Mannschaftsleistung im Mittelmaßbereich, die scheinbar so gar nicht vom allgemeinen Wettbewerbsdruck behelligt wird. Sich eher recht lässig statt hochgradig verhält, in traulicher Zugewandtheit viel mit Füllszenen hantiert, nicht wirklich Interesse für den eigenen Fortgang, eine autarke Dynamik oder Dramaturgie zeigt, sich scheinbar nicht den nötigen Einsatz zutraut und eigentlich auch die Action bis auf die explosive Endausscheidung nicht effektiv genug durchskandiert. Eine derangierte, auf Dauer etwas ermüdende Wahrnehmung mit gekünstelter Mobilität und versäumter Entwicklung.

Cheung Ho Taks Regiedebüt [ diverse Quellen setzen noch Phillip Ko und Lo Bo Saan als Mitwirkende ein ] ist statt einer Neukonstruktion mit erweiterten Qualitäten und Fortschritten in den wichtigen Belangen, die dann auch das Negative verdrängen vielmehr eine aufrichtig arglose Rückversetzung in den grundlegendsten Urzustand. Eine schon soweit gefällige Akkorde, aber fern narrativer Dichte und Genauigkeit. Eine Entzauberung, ein lediglich trügerisches Glück, ein theoretisches Bereithalten aller Voraussetzungen, die aber noch nicht und später bedauerlicherweise auch nicht mehr in die Praxis umgesetzt werden. So geht es hier getreu der Expansion des Organisierten Verbrechens auch mal in den Urwald, statt einem Reiseausflug in Gewalt und Tod aber eher die Kaffeefahrt per 25km/h Tempo mit dem fliederfarbenen Überlandbus; eine Szene, die so tatsächlich vorkommt und ebenso symptomatisch für das Drehbuch auch mit mehreren Haltestellen flankiert ist.

Unnötige Opfer der ausdehnenden Langsamkeit, da man sich nicht bloß im schnöden Dialog ergeht, sondern auch noch Witze Marke buddy picture einstreut und ganz allgemein die Szenerie von Malaysia viel zu sehr in Richtung touristischem sightseeing nebst anschließendem Waldspaziergang ausnutzt. Das moderne Südostasien mit lebhafter Mischung von chinesisch, portugiesisch, niederländisch und britisch beeinflusster Kulturen, Sitten und Gebräuchen stellt sicherlich gegenüber der sonstig verwendeten Republik der Philippinen die besserere geographische Alternative dar, wird allerdings auch nur zum Abklappern von Verkaufsmärkten, Bahnhof und anderweitiger Infrastruktur in das so nicht weiter visuell reiche Bild gesetzt. Als Ausrede, als Alibi für eine mild attraktive Hohlweltirrealität, als Anlass für vergleichsweise stetige Zänkereien, Haareraufen und Prügelszenen gilt dann auch die Einführung des erzählerischen MacGuffin:

Als zwei HK Cops [ Cliff Lok & Jue Gong ] einen Waffendeal sprengen und die mutmasslichen Täter festnehmen, sollen sie die aufgegriffene Susanna samt einer Diskette nach Malaysia abschieben; den Auftrag bekommen die vermeintlich am Schlechtesten im Distrikt Arbeitenden [ Sibelle Hu & Moon Lee ]. In Kuala Lumpur angekommen werden sie bereits von Inspector Tsui [ Lung Fong ] sowie dem Verbrecherkönig Ma Ko [ Cheng Chu-Fung ] und dem Schergen Chan Wai [ Benny Lai Keung-Kuen ] sehnsüchtig erwartet. Bald brennt die Boomtown.

Schön wäre es zumindest, stattdessen wird sich mangels exzessivem Geldvorrat ein wenig auf den zwar bevölkerten, aber nicht gerade edel glänzenden Straßen eher weitab vom Verkehrsknotenpunkt duelliert; vorzugsweise per Handkante und Fußtritt auf rohe Weise blutige Nasen geholt und die zahlenmäßig überlegenen Gegner in die anliegenden Straßenstände getrieben. Größere Einlagen oder gar Kettenreaktion und Breitseiten an Durchschlagskraft halten sich gemäß des eher begrenzten Budgets notgedrungen in Grenzen und weichen allezeit bereitem empty-handed struggle ohne wirkliche stilistische Ambitionen. Einige eingespeiste Verfolgungsjagden sind nicht der Rede wert und hätten dank holprigen Schnitts, Anschlußfehler en masse und mangelndes Können mit dem ungewohntem Technikaufwand auch lieber beiseite gelassen werden sollen. Ruhmreiche Ausnahme im fist combat Allerlei stellt das viertelstündige Finale, ein unnachgiebig überfallartiger Showdown dar: Der verstiegen überspannten Attacke einer paramilitärischen Miliz auf die lokale Drogenfarm; einer verwaisten Plantagenanlage mit zugewuchertem Gutshaus.

Bis dahin springt die Handlung, bzw. die herumgeisternden Überbleibsel davon ein wenig ziellos zwischen den nur kurz ins Auge gefassten Parteien hin und her und konzentriert sich nach anfänglich eifrigem Hickhack schnell auf die unfreiwillige Partnerschaft von Polizist und Dieb.
Kampfzwerg Benny Lai, der bis dahin nur als thug, extra oder in Nebenrollen unter Jackie Chan ran durfte, formuliert hier nicht bloß das Augenmerk auf ihn höchstpersönlich in der Action Choreographie, sondern setzt sich – wohl um sich seiner selbst zu vergewissern – auch darüber hinaus am liebsten direkt in den Mittelpunkt des lückenhaft ausbalancierten Geschehens. Da er mit counterpart Sibelle Hu per Handschellen aneinander gekettet wird, fällt der am Ende ihrer Karriere bereits empfindlich aus der Form gekommenen älteren Actrice die zweite Hauptrolle, der des Stichwortgebers für allerlei primitiv-kindliche Gags um absichtliche und ungewollte Annäherung zwischen den Gefesselten und die aufgesetzte großstädtische Verzicktheit zu. Während Moon Lee als der strenggenommen primäre und wesentlich feschere Anreiz relativ schnell die Relevanz verliert, aus dem paradigmatischen ready for a fight mit verspätetem Rhythmusgefühl genommen und zwischendurch ganz zur Erholung auf das Hotelzimmer geschickt wird.
1
2
3
4
5
6

Mittwoch, 6. Februar 2008

Review: Deadly Deal [ 07/02/1991 ]

cover
Langsam schließende Türen, versperrte Blicke, Fotos, die die Erinnerung begleiten und die Vergangenheit bereits als Reliquie kennzeichnen. Die Veränderung unter sich nahe stehenden Menschen, die sich im Hier und Heute zwar noch die grundlegendsten inneren Gefühle zueinander bewahrt haben, aber dennoch verschiedene Wege eingegangen sind und sich darüber und über die verstrichene Zeit eben doch voneinander entfernt haben. Ein nutzloses Festklammern an alten Gewohnheiten auf der einen Seite, ein stetiges, wenn auch teils ungewolltes Nachlassen auf der anderen, die Unzulänglichkeit im Angesicht ernst zunehmender Herausforderungen. Der Zwiespalt zwischen Wert und Wichtigkeit, zwischen Bedürfnis und Belange, und zwischen Schwäche und Sympathie ist der Grundkern vom bleihaltigen Deadly Deal. Einem weitgehend unbekannten, da auch gerade in der Verbreitung eingeschränkten Heroic Bloodshed Drama, das in seiner Unversöhnlichkeit verharrt. Erst die Chronik einer Liebe, dann der Kampf zweier Seelen, im Eifer des Gefechts von Druckwelle und Pulverexplosion.

- "I never thought it would come to this."
- "That's life. I believe in love, you believe in money. Two different roads."

Die Ummantelung der gewichtig gespannten Angelegenheit besteht aus Standardsituationen, wie man sie in jedem handelsüblichen Vertreter der Gattung vorfindet, sogar auch mit entsprechenden Darstellern geschmückt, die nicht nur in dem Jahr eng mit dem Genre verbunden waren, sondern geradezu als Ikonisierung im Milieu verwachsen sind. Der Prolog gibt die Marschrichtung in bereits eindeutiger Manier vor, dreht dann ab der Hälfte dennoch leicht ab, ohne gleich ganz die Kurve aus dem Klima von Mord und Totschlag zu nehmen, sondern sich nur vorübergehend in einen illusorisch besseren Lebensumstand auszuquartieren.
Dass die verträumte Sicht aufs Meer hinaus, innige Umarmungen, Schwüre und Prophezeiungen einer vermeintlich rosigen Zukunft nur der Anfang vom Ende und so nur ein kleiner Ausweg aus der trist-desolaten Mitwelt sind, ist dem Zuschauer eher und eindeutiger bewusst als den zu sesshaften Figuren, die die Momente des Scheiterns nur hinauszögern, aber nicht verdrängen können und stärkeren Widerstand als erwartet überwinden müssen. Mithoffen und Mitbangen kann man ja dennoch, auch wenn die Konflikte schnell an den Siedepunkt getrieben werden:

Die beiden Konkurrierenden Drogenhändler Steven Tsang [ Stuart Ong ] und Boss Kuen [ Lau Siu Ming ] haben jeweils unabhängig voneinander das gleiche schwerwiegende Problem. Ihre Verkäufe stagnieren, bzw. wird bei der jeweiligen Übergabe immer unplanmäßig aus dem Hinterhalt das Feuer eröffnet, die Schergen wie Fliegen getötet und das teure Gut entwendet. Dahinter steckt Kuens rechte Hand Ricky [ Ricky Yi ], der nicht nur seinen Leitwolf ausbooten und sich selber die goldene Nase verdienen, sondern auch dessen besten Mann Raymond [ Ray Lui ] als Sündenbock für die auftauchenden Probleme verantwortlich machen möchte. Als dieser in den eigenen Reihen auf die Abschussliste gerät, schlägt er sich auf die Partei vom scheinbar nobleren Tsang und dessen rechter Hand Ken [ Kenneth Chan ] und entledigt sich der nunmehrig gegnerischen Organisation. Dort winkt zwar erstmal das schnelle Geld. Allerdings bandelt Rays bester Freund Simon [ Simon Yam ] ausgerechnet mit Eliza [ Elizabeth Lee ], Tsangs properer Mätresse an.

- "I'll tell you this for old time's sake: Money never counts for much. No matter how much it's never enough."
Personen, die im wahren Leben und im filmischen diesselben Namen tragen tun Dinge, die man zumindest auf der Leinwand von Ihnen schon hundertmal gesehen hat und sagen auch die folglich nahezu flüsternd mitlesbaren Sätze auf. Überraschungen gibt es vom souflierten Drehbuch her keine, eher werden absolute Vorgänge in halbherziger Lektüre suggeriert. Abweichungen vielleicht nur in der leicht unüblichen Konzentration auf das eher außenstehende Liebespaar statt dem dezentralen Verhältnis der autonomen blood brothers Ray und Simon, die seit jeher durch dick und dünn gegangen sind, und nur die letzten Jahre durch einen Auslandsaufenthalt getrennt waren. Und in der zeitweilig aufkommenden Intensität des eigentlich doch schon dutzendweise vorgelegten, nicht gerade verschleißfreien Geschehens, dass durch eine eigentümliche Beobachtung einer wie unter der Glasglocke gehaltenen und mit eingebautem Mikrofon abgehörten Artenkultur auffällt.

Sind felsenfest beharrende Taten und Worte sowie Figuren der brutalisierten / kapitalisierten Männerwelt bis in das kleinste Detail vertraut, so wirken ihre Handlungen gleichzeitig abgestumpft, gleichmütig und unterstreichend hervorgehoben. Die Betonung hinsichtlich Aussprache und auch Ausdruck einschließlich Gesten, einschließlich gar des Klangs vom Trommelfeuer plus den einschlagenden hit squibs erwecken den Anschein einer Fülle aufschlussreicher Akzentuierungen, die gar nichts Neues formulieren, aber das Traditionelle schärfer erfassen und sparsamer koordinieren.
Eine unterschiedliche Betrachtungsebene, eine Frage der Aufnahmetechnik, der Bedachtsamkeit der Montage, der geruhsamen Ebenmäßigkeit von Dialog und Ambiance. Wie eine neue ereignisgesteuerte Abtastung, die das alte Material voll postmoderner Identitäten buchstäblich impulsgebend vertieft und aus dem gewohnten flüchtigen Erzählstil und der schon eher schemenhaften Erzählung erfrischende, fast originalverpackte Facetten von verdrängten Gedanken und unterbewussten Gefühlen zum Vorschein bringen kann.

Universelle Einschnitte, die die bisherigen Denk- und vor allem Empfindungsstrukturen und die sinnfällige Wahrnehmung der dann doch speziellen Situation ebenso kundenspezifisch erweitern; dicht an der Isolation, der Desillusionierung, der Abstraktion und Vereinfachung angesiedelt und zwischen trivial Plakativen und perspektivisch Verzerrten schwebend. Vor Jahren, als Beide noch jung und unschuldig waren, hat Simon seinen Gegenpart Ray in die kriminelle Szene eingeführt, kurz bevor er sich in die USA absetzte und dort mit einer von Ray zum Abschied geschenkten Kamera seine berufliche Laufbahn als Modephotograph begann. Jeder hat den Anderen entscheidend beeinflusst und ihm quasi nicht nur das Leben zu verdanken, sondern auch wie er seine Existenz und wohin sie ihn führt. Einmal als Segen und einmal als Fluch.
Nun ist es an der Zeit, die damalige partners in crime Parallelität und das derzeitige Auseinanderliegen sowie die differierende Vorstellung vom Sein und der Realität zusammenzufügen, sich entgegen ihrem Charakter oder ihrem Vorleben erneut dem Bündnis von unabdingbar brüderlicher Freundschaft und emotionaler Kollegialität zu vergewissern und gemeinsam statt getrennt in die Gefahr zu begeben. Zu zeigen wie seelisch belastbar sie tatsächlich sind, auch wenn sie schon hinlänglich viel erlitten haben.

Ein Gang Seite an Seite aus dem Waffenstillstand hinaus, die letale Abwärtsspirale hinab, in den finalen Schießstand, der von namenlosen Handlangern mit Mordauftrag und Unterschallmunition bevölkert wird.
Auf ihre eigene losgelöste Art inszenatorische Kabinettstückchen dann die Shootous: Wie beim kaltblütig überlegten Blitzschach. Kleine, knappe, taskbasierte Auszüge eines dekomponiertes Strategiespiels. Rapides Einschlagen der noch zischenden Projektile. Sekundenpartien an Gewalt und Vernichtung, deren fehlende Bedenkzeit nur von souveränen point shooting Offensivfanatikern beherrscht wird.
1
2
3
4
5
6

Montag, 4. Februar 2008

Review: A Fiery Family [ 1989 ]

cover
Blut ist dicker als Wasser.
Was der Volksmund schon lange weiß, ist auch auf ewig die Maxime im Heroic Bloodshed Genre, einstmals und heutzutage, wo ebenfalls wieder erneut oder noch immer die Verwandtschafts- und besonders Bruderbeziehungen [ Brothers, Who's Next ] im engsten Zusammenhang mit der präsentierten Geschichte und ihren Verwicklungen stehen. Wenn es hart auf hart geht, wenn nichts mehr hilft, wenn Schon alle Anderen weg sind oder Freundschaft längst Vergangenheit ist, hält man in der Familie zusammen, egal ob man gleiche Interessen, Ziele, Motive hat oder sich überhaupt oder eher so gar nicht leiden kann. Ein nicht nur scheinbar statischer Zustand von alturistischem Einsatz, ein ewiger Zusammenhalt, ein status quo im menschlichen Kontakt, der durch [fast] nichts zu durchbrechen ist. Verschworen auf Leben und Tod als einigendes Kompositionsdoktrin.

A Fiery Family, eine Art Nachfolger zum vorjährigen A Bloody Fight, nimmt sich diese Devise in sonstig paranoider Gesellschaftsstimmung ebenfalls als Quellentext zur Brust und strickt daraus sein Manuskript eines beruflich verqueren, aber familiär geraden Lebensweges mit überlegener moralischer Autorität. Ein Gangsterepos auf kleinem Rahmen, dass sich geschickt den Anschein einer vermeintlichen Ausdehnung gibt, dadurch aber auch riskiert, sein eigentliches Dilemma ebenfalls selber zu erschaffen. Man bricht die in wunderbarer Rücksichtslosigkeit funktionierende Dramaturgie mittig eigenhändig auf und entwirft spontan eine narzisstische Rückblende mitsamt Prophezeiender Selbsterfüllung und zusätzlichem Nocebo-Effekt. Ein Stolpern durch die Historie, die die bisherigen Ereignisse vielleicht in aller Deutlichkeit noch einmal vom Ausgangspunkt her zeichnen vermag, aber weder bahnbrechende Erweiterungen im Wissenstand beifügt, noch die Charaktere durch den Überfluss an Informationen schärfer konfigurieren kann. Blind für die eigentlichen Belange wesentlicher Bestandteile wird durch die abrupte Arbeit an der eigenen Monumentalisierung vielmehr druckvolle Schnelligkeit und hitziges Gemüt aus der Handlung entzogen, sie direkt vom unprätentiös wildbeuterischen Fortgang mit vielen Risikofaktoren in den abgebremsten Schwung der Großen Reden gedrängt und auch noch Melodrama und beginnende Tragik eingespeist. Ein Trugschluss, mit plötzlich dämmerndem Verlustgeschäft:

Als die beiden nur nach außen hin legalen Gangsterbosse Law Chung Lit [ Lo Lieh ] und Cheung Tai Kuen [ Richard Cheung ] von Inspector Yeung [ Yeung Chak Lam ] und Kam [ Tai Bo ] wegen Drogenhandel verhaftet werden, bekommen die Gebrüder Ching [ [size=11]beim gleichen Frisör:[/size] Norman Chu und Eddie Kwan ] den Auftrag, den Solicitor Murest [ Ken Boyle ] umzulegen. Der ausgeführte Anschlag wird allerdings von einem Zeugen [ Ng Man Tat ] beobachtet, der den Killern ebenfalls die Polizei auf den Hals hetzt. Als die Chings trotz erbitterter Gegenwehr festgenommen werden, entschließt sich ihre Schwester Ming [ Che Ling ] samt ihrem schwer verschuldeten Ehemann Wei [ Gordon Liu ] zur Gefangenenbefreiung.

Ein ungestümes Formen und Vernichten von Individuen.
Wem hierbei schon der Kopf raucht, kann entweder mit den genannten Darstellern – allesamt Haudegen alter Schule – nichts anfangen oder ist der gewohnt holprigen Personen- und Themenbestimmten Erzählführung kantonesischer cheap crime thriller ungeübt und besitzt somit auch kein bewusstes Erinnerungsvermögen. Fern einem wirklich ordnenden Prinzip mitsamt einer einzelnen dominierenden Figur und auch abseits einer dramatisch totalitären Geschlossenheit beruht das hiesige Intrigenspiel wie gehabt mehr auf dem Erahnen kausaler Konsequenzen aus der allgemein gültigen Besinnung als dem Mitvollziehen jedes einzelnen Schritts.

Bittere Restriktionen im Präpotenz-Drehbuch und gezielter Einsatz von meist handgreiflich professioneller / resourcenkundiger Action kürzen zwar den narrativen Dschungel, lassen in diesem radikalen Abbau allerdings auch viele lose Fäden zurück, die dann auf einmal mit dem Großmut der viertelstündigen Rückschau ins Vergessen gedrängt werden sollen. Zusätzlich zu dem unnötigen Einblick, der nur unwesentlich mehr Tiefe als einzigen Vorteil herausschlagen kann, ist auch noch der schlagkräftig-derbe Prolog recht kryptisch und wie verspätet dran gehangen wirkend, fast ein anarchistisches Labyrinth der Verwüstung. Die nunmehrige Kette von streit- und rauflustigen Episoden zwischen Auflösung und Aufregung, Aneinanderreihung und Einreihung, Entwirrung und Kopflosigkeit wird allerdings gut unter das alles überschattende Arrangement des desorientierendes Überlebenskampfes auf der einen Seite und der gemeinschaftlichen Familie voll Fürsorglichkeit und Solidarität auf der anderen gesetzt. Die Sippe als Klammer der Abwehr von Unbill.

Ein eisern kooperativer Sozialverband mit umgreifend ethischen Sinnzusammenhang, in einer unversöhnlichen Welt voll Hass und Abscheu. Die Betonung dessen, die tief verwurzelte Geschwisterliebe, die genetische Berechnung [ [size=11]Schwager Wei ist mitverantwortlicher Auslöser der ganzen Unannehmlichkeit, wird aber für etwaige Nachkommen mitgeschleppt. Auch Verwandtschaft wird mittlerweile zum knappen Gut [/size]] als das vertrauenswürdige Motivationssystem, als unabdingbar verlässlicher Schutz gegen die unmittelbare Bedrohung von Außen. Regisseur Wilson Tong inszeniert dies unberührt von kultureller Sensibilität, auch abseits von Trauer, Wehmut oder gar Melancholie. Hingegen als Resignation, als Fluchtreflex, als Getriebensein ohne Licht am Ende des Tunnels, mit stetig spürbarer Gefahr, schnörkelloser Nüchternheit, kaum emotionalen, eher uninspirierten, manchmal auch plumpen Beschwörungen zwischen Verdruss, Überbelastung, Ärgernis. Eine unruhige, aber nicht hektische und dadurch effizient artikulationsfähige Montage mit rascher Schnittarbeit, waidwund-steifem Schauspiel, eindeutigen Gesten, verbalen Faustregeln, affektiver Teilnahmslosigkeit, unstilisierten Szenenbildern.

Ein emblemartig verallgemeinerndes Reglement, dass sich statt dem krakenhaften Gangstertum an der Machtspitze bevorzugt in verwahrlosten Gegenden rund um Schiffsfriedhof, zugigen Bretterbuden, beengten Ein-Apartment-Behausungen in der kargen Mitwohnzentrale oder gleich komplett in ausgebombt leer stehenden Totenackern totaler Zerstörung ansiedelt, öfters selbst aufs Tageslicht verzichtet und auch in Sachen Kleidung, Aussehen und Benimm wenig spendabel zeigt. Die vermeintliche Realität eher zur negativen Fabel mit parabelhaften Zügen aufgewertet, fern trügerischer Idylle sich nicht lange mit Vor- und Anrede aufgehalten, der Konflikt nicht erst etabliert. Die schieß- und prügelwütige Polizeiarbeit als großkalibrige Ergänzung und gleichzeitig Kontrast zum Triadenmilieu genutzt, dass im Finale auch ungewöhnlich für das Metier mit Straßen-Martial Arts und Machetenkampf angeheizt wird.
1
2
3
4
5
6